NEUERSCHEINUNGEN 



JW 194 JUST ANOTHER FOUNDRY

JAZZ MIT NEUEN WURZELN / MUT ZUR KANTE / HALTUNG EINER GARAGENBAND

Einfach nur drei Individuen, einfach ein Trio, Just Another Jazz Band, das trotzdem stetig überrascht.

Songhafte Eigenkompositionen sind die gemeinsame Basis aus der ihr Fabrikat hervorgeht und trotzdem klingt dieses Trio nicht einfach nach Schlagzeug, Kontrabass und Saxophon. Sie sind gewillt ihr elegantes Konstrukt jederzeit wieder niederzureißen und abrupt mit einer trashigen Manier gespeist aus Hip-Hop, Pop, Free-Jazz oder Krautrock zu kombinieren. Es werden Momente geschaffen, in denen die typischen Regeln der Instrumente kaum gelten. Diese Regeln werden durch vertauschte Rollen und erweiterte Spieltechniken umgangen und ausgehebelt. All das schafft eine authentische Aussage, die über Just Another Foundrys Musik hinausgeht. Musik der Großstadt und dennoch der eigenen Wurzeln. Musik, die das Feuer einer neuen Generation widerspiegelt.

Auszeichnungen: - Avignon Jazz Award - Maastricht Jazz Award - Junger Deutscher Jazzpreis - Förderstipendium der Werner Richard - Dr. Carl Dörken Stiftung

Einfach eine weitere 'Manufaktur', einfach eine weitere Jazzband. Dieses Understatement wirkt in Bezug auf dieses Trio, das sich in kürzester Zeit schon eine beachtliche Reputation erspielt und diverse Preise gewonnen hat, fast schon ein wenig frech. Aber das ist auch gut so, denn was JAF von anderen Formationen ihrer Generation abhebt, ist gerade der Mut zur Kompromisslosigkeit und die Weigerung, sich aktuellen Trends und Moden unterzuordnen. Die Besinnung auf das

Wesentliche, die Kommunikation, den Klang ihrer drei Instrumente und die Konfrontation von Klängen im Moment, liegen dieser Musik zugrunde. Man kann jeden Moment dieser Aufnahme unter Lupe betrachten und wird immer etwas Spannendes finden: ein Kratzen, ein Schnarren, ein Säuseln oder eine kleine Melodie.

Das J, das A und das F - Jonas, Anthony und Florian - haben ihre gemeinsame Stimme gefunden und lassen sie erklingen. Einfach drei Typen, die spielen: genau so soll es doch sein! - Niels Klein

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jw 187 COMMON GROUND

SEBASTIAN GILLE tenor saxophone
ACHIM KAUFMANN piano
MATTHIAS AKEO NOWAK double bass
BILL ELGART drums

jw 187 COMMON GROUND Record Release:
Sa., 27. Oktober 2018, 20.00 Uhr
FESTUNGSSAAL PEITZ

Musik geschieht. Wie absichtslos: ein Gedanke, ein zweiter, dann ein weiterer, und schon hat sich alles verändert und die Gedanken haben eine neue Gestalt angenommen. So oder so ähnlich ist das Ideal des Jazz. Musiker kommen zusammen, einer spielt und hat eine Idee, die anderen kommen dazu und lassen Dinge geschehen, unvorhersehbare, ungeahnte, sehr persönliche Dinge: das Ziel ist Schönheit und Ausdruckskraft.

Treffen vier Musiker aufeinander: Der Kontrabassist Matthias Akeo Nowak und der Tenorsaxofonist Sebastian Gille, der Schlagzeuger Bill Elgart und der Pianist Achim Kaufmann, sehr verschieden, was Alter und Lebensweg angeht und doch verblüffend dicht beieinander, wenn man den Fluss der musikalischen Ideen in den Fokus stellt.

Da ist Sebastian Gille, der Jüngste im Quartett, geboren 1983 in einem Dorf bei Quedlinburg im Harz, für den das Ende der DDR gerade rechtzeitig gekommen war, um ihm die Tore zum Jazz zu öffnen. Schnell entwickelt sich der junge Saxofonist zu einem der eigensinnigsten und ausdrucksstärksten Vertreter seines Fachs weit und breit, in dessen Ton bei aller Wärme der Atem zu hören ist, Sensibilität und Verletzlichkeit und der Wille, Grenzen zu überschreiten. In Köln trifft Sebastian Gille auf Matthias Akeo Nowak, und gemeinsam beschließen sie, dieses Quartett zu gründen. Nowak, geboren in Berlin, familiär mit Spuren japanischen Ursprungs verbunden, verwurzelt in einem weiten Feld zeitgenössischer Musik zwischen Jazz, Rock und Symphonik und bekannt als ein Virtuose der mannschaftsdienlichen Ökonomie, ist sieben Jahre älter als Gille und funkt ganz offensichtlich auf der gleichen Wellenlänge.

Als der in Würzburg lehrende Schlagzeuger Bill Elgart, Jahrgang 1942, ein Veteran des modernen Jazz, der seine ersten Meriten an der Seite von Musikerinnen wie Paul und Carla Bley oder Gary Peacock verdiente, zu den beiden stieß, bekam das Projekt Konturen. Mit Achim Kaufmann, geboren 1962 in Aachen, einem expressiven Abstrakten unter den Pianisten, der es wie kaum ein anderer versteht, in der Improvisation Spielfreude und Stringenz, Zufall und Struktur auszubalancieren, war bald der Vierte im Bunde gefunden.

Gemeinsam spielen die vier so unterschiedlichen Musiker eine Musik, in der alle Voraussetzungen, die Unterschiede der Lebenswege und Erfahrungshorizonte keine Rolle mehr spielen - mit äußerster Konzentration arbeiten alle vier daran, immer wieder neue Melodien, Rhythmen, Texturen geschehen zu lassen. Ob es Elgart ist, der sein Schlagzeug mit einem enormen Farbenreichtum spielt, so dass unter den rhythmischen Akzenten melodische Bewegungen mitschwingen, oder Kaufmann, der mit den reichen Harmonien in seiner linken Hand stets das Potential für plötzliche Richtungswechsel bereit stellt; ob Nowak mit einer sehr ausgeschlafenen Phrasierung und großer Ruhe die verschiedenen melodischen Fäden verknüpft oder Gille, der mit seinem markanten, fast schon atemlosen Ton und einer nahezu asketischen Ruhe nur die Töne aneinanderreiht, die die Musik wirklich braucht: es ist hohe Improvisationskunst, die es hier zu erleben gibt. Stefan Hentz

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jw 196 UWE KROPINSKI & MICHAEL HEUPEL
A KIND OF NOW

UWE KROPINSKI guitar, guitar percussion, foot percussion
MICHAEL HEUPEL flute, alto- & bass flute

jw 196 A KIND OF NOW Record Release:
Sa., 20. Oktober 2018, 21.00 Uhr
KUNSTFABRIK SCHLOT – BERLIN

Jetzt oder nie – so entsteht Musik. Wir haben es uns ein paar Tage im Studio gemütlich gemacht und drauflos gespielt. Nicht was Sie denken, da macht nicht jeder was er will, sondern was die Musik will. Vorherige Absprachen gab es kaum, einer sagt vielleicht … du fängst an. Dann hört er und schon weiß er, was er tun muss … bestenfalls. Wir agieren wie zwei Komponisten, nur in so einer Art von Jetzt, das nicht mehr radierbar ist. Da entstehen Stücke mit ganz unterschiedlichem Charakter und die Herausforderung des Musikers besteht darin, es dem Stück im Moment recht zu machen. Die Vorbereitungszeit für diese Aufnahmen war lang. Sie begann 1988, als ich ein Solokonzert von Michael Heupel hörte und von seiner Musik so begeistert war, dass ich ihn fragte, ob wir uns musikalisch zusammentun wollen. Er hat ja gesagt, und so konnte unsere Verbindung 30 Jahre lang reifen. Wir spielten über die Jahre viele Konzerte und nahmen CDs auf.

Diese lange Zeit ist nun eingegangen in unsere heutige Musik und das Konzept, die Kompositionen (denn so klingen sie für mich und dem Zuhörer kann es ja egal sein, wie und wann komponiert wurde) im Moment entstehen zu lassen, eröffnet natürlich den meisten Raum für musikalischen Austausch, nämlich einen unendlichen. Das bringt aber auch unendliche Probleme, die nicht alle auf einmal gelöst werden können. Aber schon die kleinste Anregung, die kleinste Absprache … Rhythmus, Tonart, Tonleiter … du fängst an … kann einen in Bewegung setzen und hat man einen guten Anfang gefunden, kann der Musik einfach folgen, ist alles leicht und das Stück entsteht … ja, wie von selbst. Hinterher weiß man gar nicht mehr, wie das eigentlich alles möglich war. Spielt auch keine Rolle mehr. Man hört's ja. Uwe Kropinski

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JW 197 SEVEN STAIRS/INDIA
DAVE LIEBMAN + RAVY MAGNIFIQUE
VÖ: 30.08.2018


DAVE LIEBMAN
flutes, saxophones, piano
RAVY MAGNIFIQUE
drums, percussion, voice

For a Western trained musician, four of the five elements that comprise music are easily accessible-melody, harmony, color and form. The element of rhythm has yielded jazz and its offshoots of pop, funk, etc. as well as intricate mixtures of meter from the contemporary classical composers (Stravinsky, Schoenberg, etc.), but it is in other parts of the world where the idea of „groove“ has been explored in all its manifestations for thousands of years. lt is in lndia and to some degree parts of Africa and the Slavic cultures where the most sophisticated aspects of this area of rhythm have been developed. For a musician like myself to play in this context is ALWAYS challenging and a learning experience. I have to really check myself, asking basic questions like „where is the one (first beat)“ or more precisely „what meter are we in?“Ravy Magnifique, coming from a very unique part of lndia (Pondicherry) is an expert in rhythm and has as well incorporated jazz and pop beats into his vast base of knowledge. I recognized his talent when we did a project of his compositions playing some difficult (for me) odd metered music. I suggested that he and I play duo, admittedly so I could learn more from him. The music on this recording was completely improvised, usually beginning with a rhythm and texture that Ravy would play for me. He used all kinds of instruments from African kalimbas to Indian percussion instruments to the normal jazz trap drums with vocalizations as well. This music represents a visit for me to another world which is full of beauty, sincerity and spirituality. Thanks to Ravy for the opportunity to learn and commune; to Cathy for her assistance and to Roger for the excellent sound.Dave Liebman

Universalism is the concept that guided this music towards becoming a prayer on behalf of humanity‘s joy, representing a journey through the elements: water, earth, wind, fire, energy as an ode to life. How greatly honoured I feel to have been able to achieve this duet with master David Liebman who has become one of the best musicians in our time. Every moment I spent by his side made me progress towards a better comprehension of happiness in music and life. I am infinitely grateful to him. I hope listeners will receive this representation of cultural syncretism in which the folk tradition, jazz, and contemporary music are combined, incorporating sentiments of faith and love.Ravy Magnifique

℗ + © 2018 by jazzwerkstatt

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ITM 920024 TOMASZ STANKO FREELECTRONIC

ITM 920024
TOMASZ STANKO
FREELECTRONIC IN MONTREUX + TOO PEE
2 CD

CD 1
FREELECTRONIC IN MONTREUX
TOMASZ STANKO
trumpet
JANUSZ SKOWRON
dx7, piano
VITOLD REK
electric- and double bass
TADEUSZ SUDNIK
aks synthesizer, self-made electronic instruments

CD 2
TOO PEE
TOMASZ STANKO
trumpet
MANFRED BRÜNDL
bass
MICHAEL RIESSLER
bass clarinet, clarinet, sopranino saxophone

TOMASZ STANKO
The carefully considered compositions of Tomasz Stanko, Manfred Bründl and Michael Riessler form so to speak the basic for stories which first take shape in the medium of improvisation. Although coming from comparatively different „worlds“ the three musicians intuitively find ways to express common moods. And even when single pieces are organized as solo features, the overall impression is still one of the balanced harmony in which each simultaneously plays and listens, radiates ideas and receives impulses. Almost orchestral effects are sometimes created by the interplay of the completely individual brass, woodwind and string sounds. The impression is strengthened through instrumental virtuosity, the flowing change of techniques or the tone colors, and the capability of spontaneous counterpoint. The trio has come closer to achieving the always newly reaffirmed goal of the synthesis of spontaneity and form. The Montreux recording works with electronics and synthesizer sounds.

TOMASZ STANKO 1942 - 2018

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JW 113 AUGUSTO PIRODDA NO COMMENT
Re Release
(VÖ: 30.08.2018)

JW 113
AUGUSTO PIRODDA / GARY PEACOCK / PAUL MOTIAN
NO COMMENT

AUGUSTO PIRODDA
piano
GARY PEACOCK
double bass
PAUL MOTIAN
drums

Es ist kaum zu glauben: das Album, das sie gerade in Händen halten, ist erst das Fünfte in der Diskographie von Augusto Pirodda. Doch schon das erste, schlichte Motiv macht deutlich: hier sitzt kein ‘Rising Star’ am Flügel, der glaubt, mit vielen Tönen endlich den Durchbruch herbeispielen zu können. Das hat Augusto Pirodda nicht nötig. Vielmehr führte seine Entdeckungsreise ihn bis nach New York, ins Studio mit Gary Peacock und Paul Motian. „It Begins Like This…“ - so heißen die ersten Takte des Albums nicht ohne Grund. Sie dokumentieren buchstäblich den Beginn: aufgenommen noch während des Soundchecks im Studio. Die Trio-Improvisation schlägt den aufmerksamen Hörer in Bann. Kein zögerliches Herantasten gibt es hier, kein Aushandeln von Hierarchien, genauso wenig routinierte Belanglosigkeit. Die drei Musiker finden zum Trio zusammen. Ein unspektakulärer Vorgang, der täglich in Studios rund um die Welt vor sich geht - und gleichzeitig ein Wunder, wenn daraus ein solches Miteinander entsteht.Es liegt auf der Hand, dass „No Comment“ dem Album den Titel gibt. Als er die fertigen Aufnahmen zum ersten Mal auf CD brannte, schrieb er die Namen der Beteiligten aufs Cover: Augusto Pirodda – Gary Peacock – Paul Motian. „Was soll ich dazu noch sagen? Zum Glück war da dieses wunderbare Stück im Programm. Das ist der einzig denkbare Titel.“Tobias Richsteig

℗ + © 2011/2018 by jazzwerkstatt

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JW 024 CHARLES GAYLE TOUCHIN ON TRANE
Re Release
(VÖ: 30.08.2018)


CHARLES GAYLE / WILLIAM PARKER / RASHIED ALI
TOUCHIN' ON TRANE

CHARLES GAYLE tenor saxophone
WILLIAM PARKER
double bass
RASHIED ALI drums

Das Wesen der Musik auf dieser Scheibe liegt weit jenseits solcher grundlegenden Begriffe wie Noten, Rhythmen und Harmonien, und wer schon so hip war, diese CD zu kaufen, braucht wahrscheinlich ohnehin keine Anweisungen, um zu würdigen, wie überaus wunderbar diese Musik ist. Wie kommt es dass Charles Gayle - ein amerikanischer Musiker, der auf höchstem Niveau eine Musik spielt, die das amerikanische Kultursystem nur ungern als „Amerikas einzigen originalen Beitrag zu den Künsten“ anerkennt - von keiner amerikanischen Plattenfi rma auch nur eine Chance angeboten wurde, aufzunehmen, und dass seine öffentlichen Auftritte in den USA fast ausschließlich auf die Straßen von New York und eine gelegentliche Montagnacht in der Knitting Factory beschränkt sind? Was ist los mit Amerika - einem Land, das sich als „Land der Freiheit“ und „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ anpreist - dass die freieste und befreiteste Musik praktisch keine Möglichkeiten bekommt?

Die Antwort liegt in der immanent rassistischen kulturellen Einstellung und Machtstruktur und in der Tatsache, dass die Musik, die Gayle, Parker und Ali spielen, eine hochgradig selbst bestimmte Musik ist, genau das, wovor die amerikanische, weiße, kolonialistische Machtstruktur am meisten Angst hat. Was solche Angst vor der Musik einfl ößt ist, dass sie eine dynamische, vereinigende Kraft ist, die nicht nur schön anzuhören ist, sondern auch das Bewusstsein des Zuhörers für das erweitert, was es bedeutet, ein menschliches Wesen zu sein. So war Ellington beispielsweise der erste Komponist, der erkannte, dass diejenigen, die da mit ihren Instrumenten auf ihren Stühlen saßen menschliche Wesen sind. Seine Kompositionen berücksichtigten folglich die Stärken und Schwächen des einzelnen Musikers. Er war der erste wirklich demokratische Komponist.

Gayle, Parker und Ali spielen in einem Kontext, der eine natürliche Entwicklung von Ellingtons Konzept ist, wobei jeder einzelne sein ganzes musikalisches Selbst frei und spontan einbringt und zugleich die ästhetischen Erfordernisse der Komposition berücksichtigt, so dass jeder Beitrag und jede Reaktion mit denen der anderen zu einem vereinten harmonischen Ganzen verschmilzt; zu einer geistigen Einheit und geistigen Ganzheit, worum es schließlich geht in der Musik.Joseph Chonto


℗ FMP-Publishing
© 2007/2018 by jazzwerkstatt

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JW 171 QUAIRÓS 'VELA'
TOM ARTHURS trumpet
MARKUS PESONEN guitar

MILES PERKIN double bass
JANNE TUOMI drums & percussion

QUAIROS/Kairos steht in der griechischen Mythologie für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein kann und VELA, die Segel des Schiffs, stehen für ein Sternbild des Südhimmels. Die vier hier zu hörenden Musiker nutzen den richtigen Zeitpunkt, ihre Musik zu veröffentlichen.
QUAIRÓS zaubert großartige Sounds zwischen Jazz und Avantgarde.

Hören Sie und entscheiden Sie! Ulli Blobel


JW199 2 CD BOX PETER BRÖTZMANN / DIE LIKE A DOG QUARTET -
FRAGMENTS OF MUSIC, LIFE AND DEATH OF ALBERT AYLER 
ALBERT AYLER QUARTET - MUSIC IS THE HEALING FORCE OF THE UNIVERSE 

..., AND SOMEBODY, JUST SOMEBODY, PLEASE, LISTEN!

VIELE haben ihm nicht zugehört, umstritten war er bis zum Ende seines kurzen Lebens. Vor allem Kritiker und Programm-Macher wussten meistens nichts mit ihm anzufangen. Das Publikum, besonders in Europa, liebte ihn.

MUSIC IS THE HEALING FORCE OF THE UNIVERSE... er hat daran geglaubt. Vom Glauben zur Vision war nur ein kurzer Schritt, von der Vision zur Realität ein Sprung in den East River. Wenn auch noch so kurz, ist sein Leben doch beispielhaft und vor allem sein Tod ein gar nicht so ungewöhnliches Zeugnis

für die alltäglichen Depressionen, denen ein Spieler 'unverkäuflicher Musik' - so sein Freund und Mitstreiter Charles Tyler - in den USA, besonders in New York ausgesetzt ist. Sicherlich, die Wertschätzung, die ihm in Europa entgegenschlug, hat ihm gutgetan. Dann aber, zurück in New York, kamen die Depressionen wieder. (Ein Jahr vor seinem Tod mußte er seinen Bruder Donald ins Irrenhaus bringen). Von Beginn an dokumentieren die Titel seiner Stücke die Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt: Spiritual Unity / Ghosts / Truth ls Marching In/ Universal Message/ Holy Family / Our Prayer / Spirits Rejoice ... er meinte es ernst.

In den letzten Jahren wurde die Diskrepanz zwischen Wollen und Sein immer deutlicher: Hier der Versuch, die Musik zu öffnen für alle, jeden teilhaben zu lassen an seiner Erfahrung, seiner wilden Energie, seiner Liebe, jedem ein Stück seiner Phantasie abzugeben. Dort die Repression, die Armut mit sich bringt. Lustlos wurden Ende der 60er Jahre die letzten Platten eingespielt – zurück zu Soul, Rhythm and Blues, garniert mit äußerst banalen Texten, auf Druck der Plattenfirma.

Erfolgreich wurden sie nicht. Nach seinem Konzert im Juli 1970 in Frankreich konnte man aufatmen: Er war wieder da, mit all seiner Leidenschaft und Überzeugungskraft. Vier Monate später wurde er aus dem East River gefischt. Peter Brötzmann


JW190 PETER BRÖTZMANN / TOSHINORI KONDO / WILLIAM PARKER / HAMID DRAKE - AOYAMA CROWS

"Ein Quartett mit einem gemeinsamen europäischen, amerikanischen und japanischen Erbe und einer Empfindsamkeit, die viele kreative Inseln mit einem Streich durchquert" (allaboutjazz.com)


JW189 WOLFGANG SCHMIDTKE ORCHESTRA - MONK!

Runde Geburtstage werden immer gebührend gefeiert und bei einem 100. ist die würdige Party natürlich unausweichlich. Am 10. Oktober Anno '17 war so ein Tag und das Geburtstagskind war dieser Mensch, dessen Name allen, die ein Instrument in die Hand nehmen und dann Jazz spielen, ein hingebungsvolles Seufzen entlockt: Thelonious Monk - einsamer Meister des Bebopklaviers, Großmeister unter den Jazzkomponisten, Größtmeister in der Liga der Stilisten - wenn das Erreichen einer ganz persönlichen Note zum allerwichtigsten im Jazz gehört, dann hat Thelonious Monk die schönste Visitenkarte. Sein kompositorisches Werk ist außer Konkurrenz, weil er diese merkwürdigen Dinge geschaffen hat. Melodien aus Motiven, die einem immer wie der innerste Kern der Jazzästhetik anmuten.Stets sind sie ganz kurz die Motive und immer werden sie, mal modulierend, mal wörtlich, zig mal wiederholt. Wenn es in einem Satz beschrieben werden darf, liegt darin das Charakteristische in den Musiken von Monk: Er erfindet ein formelhaftes Motiv und spielt dann mit dieser Idee, so lang es ihm gefällt. Das Ergebnis dieser kompositorischen Arbeitsweise kann in jede Richtung gehen, mal ist es bezaubernd schön, mal skurril schräg. Immer ist es ''gegen den Strich'' gebürstet, eines kann Monk nicht, ein belangloses Statement abgeben. Das Orchestra traf sich zum Berliner Konzert erst zum zweiten Mal in dieser Besetzung, im Mai '17 hatten wir uns beim Festival in Lana, Südtirol, kennengelernt. Die Atmosphäre war sofort perfekt, denn allen war schnell klar, dass hier keine Big Band Sections gefragt waren, sondern ein Klang, den nur gemeinsam musizierende Individualisten erzeugen. Gern würde ich hier alle wunderbaren vierzehn Leute kurz vorstellen, dass dafür der Platz fehlt, ist der einzige Nachteil eines Orchestra. Ich weiss aber, dass alle mit mir einer Meinung sind, wenn ich sage, dass es jedes Mal wunderbar ist, mit dem Grandseigneur des deutschen Jazzsaxophons auf einer Bühne zu sein- Gerd Dudek wird bald 80 Jahre alt und gern nutzen wir die Feier von Monks 100. Geburtstag, um auch Gerd zu gratulieren! Der Saal der Berliner Kulturbrauerei war am Abend des 10. Oktober '17 mehr als voll, irgendwann musste die Tür dicht gemacht werden, es passte einfach niemand mehr rein. Dann feierten wir ein paar Stunden Livejazz, der sich in einem deutlich vom guten Bordeaux unterschied- er war sortenrein, 100 % Thelonious Monk. Wolfgang Schmidtke

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JW198 CECIL TAYLOR CONVERSATIONS WITH TONY OXLEY

Stilbildend war Cecil Taylor, der am 5. April 2018 in Brooklyn, wo er zeitlebens seine Heimat hatte, verstarb. Er begann, wie zur gleichen Zeit Ornette Coleman (1930 – 2015), in den neunzehnhundertsechziger Jahren eine von Clustern und Stakkatotönen dominierte Musik zu entwickeln, die wir später Free Jazz nannten.
Die Stilikone am Klavier begann die Struktur der Konzerte stets leise, sich ans Instrument schleichend, Texte vor sich her murmelnd, tänzerisch, bis die ganze Wucht seiner Spielweise die einzigartige Kraft der Musik erklingen ließ.
Hier hören wir aus dem Jahr 2008 eines seiner letzten Konzerte aus dem Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Schon mit den letzten Aufnahmen von Ornette Coleman (jw 090 'For The Love Of Ornette') hat jazzwerkstatt die Epoche des Free Jazz eindrucksvoll dokumentiert. In 'Conversations with Tony Oxley' hören wir die letzten Klangkaskaden von Cecil Taylor.

Ulli Blobel


ITM 920022 ART ENSEMBLE OF CHICAGO - LIVE IN BERLIN

In leuchtender Runde auf der Bühne: Geste und Ton, die Magie der Erinnerung, längst vergessene Zeit, die vergeht und beginnt, auf den Autobahnen (Ancient To The Future), durch die Wildnis der verschwendeten Momente bis jetzt & hier & noch nicht.

Aus der Ferne: Rasseln und Klingeln, tiefe Stimmen im nächtlichen Wald. Gleich hinter dem Vorhang beginnt die Savanne: Gemeinschaft von Mensch & Tier & Pflanze. Auch daran sei erinnert: Bilder aus Amerika (mit leicht geschüttelten Händen): Plantage & Pints, Erdnüsse und Pin-Ups, Zelt-Shows, Unruhen und kirchliche Messen, Winter in der windigen Stadt (Sweet Home Chicago / Chicago Breakdown), Tanz rund um brennende Cadillacs, Nachricht an Freund und Nachbarn. Vom amerikanischen Weg abgetrieben (was auch immer das sein mag), zwischen Wellblech und Karton, Würde wiederentdeckt: Great Black Music.

Triumph, Legacy & Resolution, gespielt auf der Südseite, in der Seine, woanders. (Und auch einmal im Haus des Deutschen Theaters.) & Nach jedem Spektakel löst sich die Magie auf, die Musik hängt in der Luft, die Türen bleiben offen: Längst wieder aktuell: Die Mythen, die Zeit, nah genug, um zu begreifen. und sogar im nächsten Spiegel können wir es sehen: Ein Schamane mit traurigen Augen, der glücklich auf dem tanzenden Asphalt balanciert.Bert Noglik (März 1979)

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JW188 ANDREAS WILLERS / JAN RODER / CHRISTIAN MARIEN - DEREK PLAYS ERIC

WILLKOMMEN IN DER WILDEN WELT VON ANDREAS WILLERS & CO!


Obwohl Derek plays Eric eine Mischung von Einflüssen des notorisch-abstrakten britischen Avantgarde-Gitarristen Derek Bailey und dem sehr Blues-orientierten Eric Clapton nahelegt, sind hier ganz klar auch andere Kräfte am Werk… Hier wird nicht experimentiert um des Experiments willen, sondern eine faszinierende Fusion mit einer starken musikalischen Aussage vermittelt. Dies geschieht nicht aus dem Nichts, sondern wird von klar definierten Traditionslinien abgeleitet, sowohl überlieferter als auch zeitgenössischer Art, welche erkennbar einen wichtigen Teil der Erfahrungsgrundlage dieser Musiker bilden.

Andreas, ein Young Veteran, hat umfassend mit Deutschlands wichtigsten Instrumentalisten und Komponisten gearbeitet und ebenso mit internationalen Stars wie Trilok Gurtu und dem großartigen Paul Bley. So hat er auch mit der unterbewerteten Saxophonistin Ingrid Laubrock zusammengearbeitet, die für mich einmal auf einem Kurzfilm-Soundtrack gespielt hat, was sie innerhalb eines Tages mit großem Ideenreichtum abschloß. Ich traf Andreas bei einem gemeinsamen Erinnerungskonzert an Jack Bruce im Jahr 2015, wo er eine Soloversion des durch die Graham Bond Organization bekannt gewordenen Walking in the Park auf dem E-Bass spielte. Doch seine Arbeit als Leader und Komponist ist mir neu, eine äußerst erfreuliche Überraschung.

Mir fällt auf dieser Aufnahme eine gewisse Hommage an John McLaughlin auf, und wohl sogar an den verstorbenen Sonny Sharrock, der, wie Andreas, ein besonderes Interesse an den unterschiedlichsten Klängen und Texturen der Gitarre hatte. Zu denjenigen, die in einem Bezug zu diesen Gitarristen stehen, zählen sicherlich Hendrix und Jeff Beck, und davor Phil Upchurch und Roy Buchanan. Interessanterweise weist meine eigene (unveröffentlichte) Demoaufnahme der ersten Version von Cream's Politician selbst erstaunliche Gitarrenarbeit von John McLaughlin auf, der zu dieser Zeit im Jahr 1967 Mitglied der First Real Poetry Band war. Damals war ich kein Sänger, eher ein vortragender Poet, und es gibt da eine gewisse Ähnlichkeit zu Andreas' Detonationen.

Eine weitere McLaughlin-Verbindung findet sich in der frühen Jack Bruce-Kompostion HCKHH Blues, die ursprünglich von der Graham Bond Organization mit McLaughlin an der Gitarre eingespielt worden war.

Das Material dieser Aufnahmen ist jedoch extrem abwechslungsreich, von Mingus und Ellington bis zur heute sehr angesehenen Brit Progrock Band Gentle Giant. Es gibt außerdem eine Reihe ausgezeichneter Eigenkompositionen, die Andreas' Fähigkeiten als Komponist (er hat schon für das bekannte NDR Jazzorchester geschrieben) zeigen - und seinen sehr musikalischen Sinn für Humor. Andreas nutzt, recht unüblich in dieser Art Musik, die uralte Form des Medleys, indem er bekannte und andere Melodien im selben Stück geschickt miteinander verwebt.

An dieser Stelle wird ein Lob fällig für die wunderbare Rhythmusgruppe - Schlagzeuger Christian Marien hat eine großartige Technik und kann einfach mit allem mithalten, was sich ihm in den Weg stellt. Und Jan Roders Spiel ist extrem ideenreich und besonders beeindruckend auf dem Kontrabass.

Auf meinen eigenen Plattenveröffentlichungen versuche ich immer eine gute Bandbreite an Tonarten, Melodien, Stimmungen, Grooves, Taktarten und Tempi sicherzustellen und ich bin sehr erfreut sagen zu können, dass diese Platte dem absolut gerecht wird. Diese ausgezeichneten Darbietungen werden Sie sowohl faszinieren und anregen als auch bestens unterhalten.
Pete Brown - britischer Sänger, Dichter und Songtexter. Er schrieb u.a. die Songtexte zu den CREAM-Klassikern: 'I Feel Free', 'SWLABR', 'White Room' und 'Sunshine of Your Love'.

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JW 184 MARTIN BLUME - WILBERT DE JOODE - JOHN BUTCHER - LOW YELLOW

Mit Farben Musik zu beschreiben oder ihr zumindest näher zu kommen, ist ein verbreiteter Erklärungsversuch für das eigentlich verbalsprachlich kaum fassbare Phänomen musikalischer Wirkprozesse. Der Titel des Albums Low Yellow erschließt sich bereits beim ersten Hören der vier Tracks relativ schnell: Es handelt sich um improvisierte Musik, die nicht dick aufträgt, sondern in einem dezenten Farbstich daherkommt und in ihren Miniaturen auf Abstufungen, auf nuancierte Lyrismen setzt. Das Trio mit dem britischen Saxophonisten John Butcher, dem Niederländer Wilbert de Joode am Kontrabass und dem deutschen Drummer und Perkussionisten Martin Blume spielt seit dem Jahre 2004 zusammen, John Butcher und Martin Blume kennen sich schon länger aus der gemeinsamen Zeit mit Georg Graewes Frisque Concordance in den 1990er Jahren. Der Mitschnitt ihres Konzertes vom Sound Disobedience Festival in Ljubljana im Oktober 2016 zeigt, dass sie sich als Improvisationskünstler bestens verstehen und aufgrund ihres langen Zusammenspiels eine dichte Interaktion mit immer neuen musikalischen Einfällen kreieren können.

Low Yellow ist ein Album mit einem fein abgestimmten Trialog von Ausnahmemusikern der improvisierten Musik, mit klanglich und technisch perfekt aufeinander bezogenen Miniaturen. Statt 'minimal music' entwickeln John Butcher, Wilbert de Joode und Martin Blume eine Vielzahl von musikalischen Einfällen frei von verfestigten Strukturen oder Pattern. Kaleidoskopartig entspringt aus einer Idee die nächste, ihr musikalisches Perpetuum mobile zeugt von einem kunstvoll organischen Verknüpfen von Fragmentarischem, einem filigranen Weben an musikalischen Miniaturen frei von jeglicher Wiederholung oder Attitüde berserkerhafter Dekonstruktion. Ihr Zusammenspiel lässt sich als impressionistisch, als wunderbar 'low' im Sinne einer dezenten musikalischen Farbgebung bezeichnen. Heinrich Brinkmöller-Becker

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JW 185 HELGA PLANKENSTEINER PLANKTON feat. GERHARD GSCHLÖßL/MATTHIAS SCHRIEFL - LIEDER/SONGS

"Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen" schrieb Franz Schubert über die Winterreise. Einige davon schickt Helga Plankensteiner und Plankton auf eine neue abenteuerliche Reise durch die stilistischen Mühlen des Jazz und entdeckt dabei ganz neue Möglichkeiten, die den Autor selbst vielleicht überrascht hätten... oder auch nicht. Mit dem vielseitigen Trompeter Matthias Schriefl aus dem Allgäu, dem Modernisten Gerhard Gschlößl an der Posaune, dem Gitarrenalchimisten Enrico Terragnoli und dem malerisch gestaltenden Schlagzeuger Nelide Bandello versuchen Helga Plankensteiner und Michael Lösch (Arrangements) einen eigenen Zugang zu einem Meisterwerk des großen Komponisten. Wie so oft bei Helga Plankensteiners Alben fällt ein Song aus dem Rahmen, in diesem Fall wird "Ich halte ihr die Augen zu" von Heinrich Heine als Intro vertont und Lothar Brühnes "Kann denn Liebe Sünde sein" in einer eigenwilligen Version interpretiert. Michael Lösch

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ITM 920021 | 2 CD | THE ALAN SKIDMORE QUARTET – NAIMA | CD 1: NAIMA: ALAN SKIDMORE tenor saxophone / STEVE MELLING piano / GEOFF GASCOYNE bass / TONY LEVIN drums  / CD 2: LIVE IN BERLIN: ALAN SKIDMORE tenor saxophone / MIKE GORMAN piano / AIDAN O'DONNELL bass / IAN PALMER drums
ALAN SKIDMORE spielt Coltrane. Das tut er immer, auch wenn er frei spielt, wenn er improvisiert oder Sängerinnen begleitet ist Coltrane dabei. Sein Geist schwebt im Sound der Musik, aber zu hören ist, live oder auf dieser Doppel-CD, etwas Radikaleres im Ausdruck, Alan Skidmore als Original! Er hat ein langes musikalisches Leben durchlaufen, geprägt in wilden Free Jazz Jahren, in Big Bands und dann wieder in der Besinnung auf Trane im Quartett. 


JW 172 | PERRY ROBINSON/THEO JÖRGENSMANN/GIANLUIGI TROVESI/BERND KONRAD u.a. - CLARINET SUMMIT

PERRY ROBINSON clarinet & whistle / THEO JÖRGENSMANN clarinet & low-g clarinet / GIANLUIGI TROVESI alto clarinet/ BERND KONRAD soprano saxophone, clarinet & bass clarinet / ALBRECHT MAURER violin / SEBASTIAN GRAMSS double bass / GÜNTER 'BABY' SOMMER drums & percussion + ANNETTE MAYE clarinet 

Im November 2015 trafen sich nach einer Unterbrechung von 35 Jahren einige Mitglieder des vom SWF veranstalteten Clarinet Summit, um miteinander zu musizieren. Zu dem von Joachim-Ernst Berendt und mir zusammengestellten Summit gehörten damals führende Klarinettisten der internationalen Jazzszene wie John Carter, Perry Robinson, Gianluigi Trovesi, Bernd Konrad und Ernst-Ludwig Petrowsky.                                                                      
2015 waren die Klarinettisten Perry Robinson, Gianluigi Trovesi, Bernd Konrad und Theo Jörgensmann mit von der Partie. Der Schlagzeuger Günter 'Baby' Sommer, der auch zu den Musikern gehörte, die beim Clarinet Summit 1980 mitmachten, wurde 2015 wieder zum Summit eingeladen. Neu hinzu kamen der Kontrabassist Sebastian Gramss und der Geiger Albrecht Maurer.   In gelöster freundschaftlicher Atmosphäre und in einem Spannungsfeld von Jazz und neuer Improvisationsmusik gab die Gruppe vier erfolgreiche Konzerte. Das Frankfurter Konzert wurde mitgeschnitten und ist nun auf dieser CD zu hören. Zusätzlich zu diesen Aufnahmen aus Frankfurt enthält die CD ein Stück, das 2016 in Düsseldorf aufgenommen wurde und auf dem Perry Robinson und Gianluigi Trovesi verhindert waren und durch die Kölner Klarinettistin Annette Maye ersetzt wurden.

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JW179 JONAS BURGWINKEL - MEDUSA BEATS
BENOÎT DELBECQ  PIANO & ANALOG SYNTHESIZER / PETTER ELDH DOUBLE  BASS / JONAS BURGWINKEL  DRUMS

MEDUSA BEATS zelebrieren fluoreszierende hundertarmige Musik, die sich schwerelos von anderen Pianotrios abhebt. Pulsierende Rhythmen verbinden sich scheinbar zufällig mit weitgespannten Linien. Diese neue internationale Band featured drei vorauseilende, preisgekrönte Ausnahmemusiker, die als Bandleader wie auch als Sidemen internationale Erfolge feiern. Sie sind Künstler, die die Musik von Gestern und Heute mit Morgen verbinden und dabei virtuos die Grenzen ihrer Instrumente neu erfinden. Das macht sie zu drei führenden Persönlichkeiten in der internationalen Festivallandschaft und führte sie zusammen mit Musikern wie Lee Konitz, Django Bates, Evan Parker, Chris Potter, John Scofield, Marc Ducret, Jim Black, Mark Turner, Steve Lacy, Taylor Ho Bynum, Jean-Jacques Avenel, John Taylor, Joachim Kühn, Fred Hersch, Mark Helias, François Houle, Gerry Hemingway, Uri Caine und vielen anderen.


JW183 | UWE OBERG/HEINZ SAUER – SWEET REASON
UWE OBERG piano / HEINZ SAUER tenor saxophone

Heinz Sauers Einspielung mit Bob Degen Ellingtonia Revisited von 1980 gehört zu meinen Lieblingsplatten – na klar wollte ich mit Heinz Aufnahmen machen.
Wir hatten über die Jahre immer wieder mal miteinander gespielt, zu zweit oder im Quartett. Im Juni 2017 dann ein Konzert auf dem altehrwürdigen Festival in Peitz. Danach Aufnahmen im rbb-Studio in Berlin. Improvisierte Musik ist immer abhängig von den akustischen Gegebenheiten: Wie klingt der Raum, der Flügel, wie mischen sich die Instrumente im Raum, was kommt zu uns zurück –  das rbb-Studio klingt grandios!
Wir wollten so frei wie möglich spielen: das setzt einen Prozess in Gang, beide hatten wir Stücke mitgebracht, die wir mit maximaler Offenheit spielen wollten, das Ganze sollte spontan sein. So kam es, dass mein Stück Due to... einen ganz anderen Charakter bekam als ursprünglich geplant. Hafenrundfahrt von Heinz bezieht sich auf das gleichnamige Gemälde von Johannes Heisig und ist diesem gewidmet. Mit seiner wundervollen Melodielinie hat es mich irgendwie an Coltrane erinnert (Heinz widerspricht!), wenn es auch purer Sauer ist. Auch hier haben wir zusammen neue musikalische Farben gefunden, die Absprachen waren minimal.
In der freien Improvisation steht man eigentlich nackt da, man fängt an, schaltet alle Sinne ein und gibt sich dem freien Fluss der Eingebung und Kommunikation hin. Wir probieren nichts aus, alles ist so gemeint, wie es gespielt wurde. Wie folgt man einander. Wo geht die Musik hin. Ein paar rote Fäden sind Sound, melodischer Verlauf, Textur, Rhythmik – das klingt vielleicht technisch, ist es aber beim Spielen überhaupt nicht. Emotionen sind immer da, wir vibrieren miteinander im Sound. Wir genießen die Herausforderung, das Ungewisse.
Empfindungen entstehen ohnehin beim Zuhören, die Musik macht etwas mit uns. Aktives Zu- und Hineinhören, das braucht die Musik. Holen Sie sich etwas raus! Twombly entstand im Studio als Trilogie, die einzelnen Parts sind noch hörbar. Chant ist eine Minimal-Komposition von mir, wir haben sie am Anfang und am Ende der Aufnahmesession gespielt, und so ist sie auch auf CD verewigt. Der CD-Titel Sweet Reason bezieht sich auf ein wunderschönes kleines Tal im Taunus, das uns beide verbindet: Süßes Gründchen. Uwe Oberg

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JW178 AERES

MATTHIAS BAUER - DOUBLE BASS
FLOROS FLORIDIS - ALTO SAXOPHONE, CLARINET & BASS CLARINET

Man kann sie nicht aufhalten. Diese Musik. Sie spielt und dann ist sie weg. Wie der Wind.

Der Wind kann heftig und stark oder weich und streichelnd sein. Er kann in deinen Ohren dröhnen, den Duft von nahen Blumen herüberwehn, den Sand der Wüsten bringen, oder er kann schreien und all deine Aufmerksamkeit und deine Zuwendung verlangen.

Die Stücke dieser CD haben die Namen der Winde: Winde des Mittelmeers, des hohen Nordens und des tiefen Südens. Winde, die einem sagen, man soll zu Hause bleiben oder hinausgehen und sich der Welt stellen. Diese Musik begleitet den Zuhörer und provoziert all diese verschiedenen Stimmungen, erhöht gute oder schlechte Schwingungen.

Man kann den Wind nicht halten, und man kann ihn nicht wirklich beschreiben: Der große Filmemacher Joris Ivens machte einen Film - sein letzter, als er schon 90 Jahre alt war - über den Wind… er ging nach China und suchte nach einer Möglichkeit, den Wind zu beschreiben... Und immer wieder stellte er die Unmöglichkeit fest, ihn darzustellen.

In dieser Musik teilen sich Matthias Bauer am Bass und Floros Floridis mit Reeds einen Dialog, der manchmal hart, manchmal weich ist... immer auf der Suche nach dem Anderen, den Anderen hörend, das Beste von einander aufbewahrend.

Der Zuhörer kann dabei fluchen oder träumen, aber immer wird er sich mitten in einem Sturm von Musik befinden, ein Sturm, der aus der Authentizität dieser beiden Musiker kommt. 
Jeanine Meerapfel - Filmemacherin - Berlin, 26. Februar 2017

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JW180 BEHIND HER EYES

STEFAN SCHULTZE PIANO
PETER EHWALD TENOR SAXOPHONE
TOM RAINEY DRUMS

Dieses Paradoxon sei erlaubt: das vorliegende Trioalbum ist eine wunderbare Trioeinspielung, weil sie ein so vielschichtiges, herrliches Duo-Musizieren dokumentiert. Peter Ehwald und Stefan Schultze, inzwischen Träger prominenter Musikpreise, kennen sich seit bald zwanzig Jahren, seit ihrer Zeit der Aufnahmeprüfung fürs Musikstudium. Vielfache gemeinsame Projekte haben sie miteinander realisiert, sind sich gegenseitig entscheidende Inspirationsquellen und Kritiker geworden. Den Schlagzeugstar der New Yorker Downtown Szene, Tom Rainey, bewundern beide schon seit langem. Letztes Jahr hat sich die Gelegenheit zu einer gemeinsamen Tour der drei ergeben, und an einem freien Tag in Berlin haben sie gemeinsam diese CD aufgenommen. Es gibt nicht viele Schlagzeuger, mit denen das Wunder vollendeter offener Triomusik derartig überzeugend gelingen kann wie mit dem fast 59-jährigen Amerikaner. Er ist ein begnadeter Klangrhythmiker und Klangmelodiker, ein Meister des subtile Strukturen generierenden Ex-tempore-Komponierens. Er ist Katalysator und doch gleichzeitig existenziell Beteiligter. In seinem Umfeld vollzieht sich offenes Triospiel immer wieder als intensives Duo-Musizieren mehrerer Beteiligter gleichzeitig; quasi analog zum chemischen Paradigma ringförmig wechselnder Valenzen interagiert jeweils duogemäß jeder mit jedem – und das mit einer fast asketisch konzentrierten Kultur des Zuhörens. Statt Powerplay-Einheitsbrei entstehen so abwechslungsreiche, beglückende Begegnungs-Miniaturen – vor allem dann, wenn sich die Beteiligten wie bei diesem Treffen auf eine Balance von auskomponierten und freien offenen Formen verständigen.
Zu dem Umgang mit dem Material bemerken Stefan und Peter: "Unsere Herangehensweisen auf dem Album sind sehr verschieden. Das was vorauskomponiert ist, ist oft sehr prägnant und bestimmend für die Ästhetik der einzelnen Tracks, trotzdem ist das Ziel, darüber zu stehen und so frei wie möglich damit umzugehen und Gedanken weiterzuspinnen. Es fühlt sich in der Besetzung eher so an, als ob man ständig, während man spielt, die Kompositionen erweitert, weiter komponiert und neue Gedanken hinzufügt. Es soll kein Bedienen einer vorgefertigten Idee sein."
Die Reihenfolge der Stücke wurde erst nach den Aufnahmen festgelegt. Dabei besticht das Programm mit strenger Stringenz. Tong-Gu entpuppt sich nach einer Reihe von eher offenen, freieren Stücken zu Beginn des Albums als Gravitationszentrum, bei dem die Betonung des Sprechgestus des Musizierakts eine immer größere Rolle spielt. Faszinierend ist dabei, dass alle drei Musiker mit Ehrfurcht gegenüber dem Klang des eigenen Instrumentes spielen und die so implizierte Respektgrenze selbst in Phasen des intensivsten bohrenden Suchens nicht überschreiten. Die Entstehungsgeschichte von Tong-Gu verweist unmittelbar auf das Sprachgestische. Stefan hat es geschrieben, als er auf einer einmonatigen Residenz des Goethe-Instituts in Shanghai war. Im Chinesischen hat ein Wort - anders ausgesprochen - oft eine andere Bedeutung. Ohne korrekte Betonung der Wörter kann man nicht verstanden werden. Die Komposition spielt mit dem Gedanken der Umdeutung, jedoch nicht im Bereich der Tonhöhe, sondern in dem der Rhythmik; so wird im Thema der Komposition jeder Takt immer wieder rhythmisch umgedeutet, und es entstehen neue Bedeutungen. Das Wort Tong-Gu, mit Bindestrich geschrieben, ist ein Fantasiewort. Tong bedeutet sich ähneln und sich gleichen, ist aber auch ein Synonym für ein Zusammenkunftsplatz und eine Geheimverbindung, die in den USA und in Kanada entstand. Gu ist der Gott des Eisens und des Krieges.
Der aufmerksame Zuhörer wird auch an anderen Stellen des Albums immer wieder überraschende Entdeckungen machen, etwa beim Eingangsstück Edgewise, das als Hommage an die Musik von Morton Feldman angelegt ist und Klangverwandtschaften und das nicht determinierte Eintreten von Ereignissen thematisiert. Entdeckungsabenteuer satt gibt es auch bei Lucky Number, der Glückszahl in der Mathematik, die in diesem Stück für Reihen und deren freie Bearbeitung steht; die einzelnen Motive, die etwas kantig und sperrig wirken, werden mehr oder weniger auf Zeichen gespielt, und die Musiker müssen sich dabei manchmal einfach auch auf ihr Glück verlassen.
Neben den Stücken mit klar umschriebener Konzeption gibt es spontan im Studio als Improvisationen entstandene Tracks. Das Titelstück Behind Her Eyes gehört dazu und unterstreicht in schöner Vielschichtigkeit den offenen Ansatz dieses Trios mit seinem großen Interpretationsfreiraum und dem Verzicht auf eng Festgezurrtes.
Letztlich muss die Musik für sich selber sprechen, wie Miles Davis immer betonte. In diesem Sinne ist Behind Her Eyes ein äußerst beredtes Album.      Thomas Fitterling



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VÖ 21.11.2016 JW169

Julie Sassoon, deren Spiel gerne mit Keith Jarretts legendärem Köln Concert verglichen wird, oszilliert zwischen Komposition und Improvisation: aus fein gewirkten, facettenreichen Klangclustern von hohem assoziativ imaginativem Ausdruck, gebunden und offen zugleich, entsteht eine flirrend schwebende Musik, die sowohl meditative Ruhe als auch nervöse Unruhe zu vermitteln vermag. Fragile Zartheit kontrastiert mit kraftvollem Ausdruck.

In ihrem Quartett, das stilistische Grenzen etwa von Jazz und Minimal souverän  überwindet, hat Julie Sassoon drei Mitmusiker gefunden, die diese Qualitäten und ihre Impulse sensibel aufnehmen, weiterführen, erweitern und kontrastieren. Das auf  Kompositionen beruhende musikalische Konzept eröffnet zudem neue Räume für Dialoge und Soli, in denen die einzelnen Musiker, alle versiert durch vielfältige Zusammenarbeiten in unterschiedlichen Genres, Raum für Eigenes erhalten.

Lothar Ohlmeier (sax, clar) fügt der Musik neben einer kongenialen Begleitung in seinen Soli kräftige Impulse hinzu, deren entschiedene Entschlossenheit den zuweilen schwebenden Sound mit festen Pfeilern stützt.

Meinrad Kneer am Kontrabass verleiht den Kompositionen eine dunkle, warme Grundierung, zupft, streicht und schlägt und steuert sowohl ein zurückhaltend solides rhythmisches Korsett als auch ganz eigenständige klanglich-melodische Eskapaden bei.  

Rudi Fischerlehner gehört zu den Schlagwerkern, die das traditionelle Drum-Konzept von Takt und Rhythmus um ein nervös anmutendes Sound Erzeugen zu erweitern vermögen, was gut mit Sassoons Pianospiel korrespondiert.

Im Konzert entwickelt sich ein intensives, sensibles Zusammenspiel, das sich als Fixpunkte an den Kompositionen von Julie Sassoon orientiert, diese ausfüllt, weiterführt sowie mit verschiedenen individuellen Einflüssen zu neuen musikalischen Texturen verwebt. Diese Musik versteht den Zuhörer auf eine innere Reise mitzunehmen, bei der die musikalischen Eindrücke reichhaltige Empfindungen und Bilder hervorzurufen imstande sind.

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Review und CD Tipp der Woche im Radio
BR Klassik
Vorstellung der CD als Tipp der Woche, 01.12.2016 im BR Klassik
ab 16:05 RADIO Leporello Musik, Aktuelles aus der Klassikszene & CD-Tipp
CD-Tipp 

Gleich das erste Stück der CD heißt "Cloud", also Wolke. Ob das einfach nur ein Bild ist, oder ob es mit Wolken der Vergangenheit zu tun hat, bleibt offen. Julie Sassoon, in England geboren, lebt in Deutschland, dem Land, in dem viele Angehörige ihrer 1939 emigrierten Vorfahren im Konzentrationslager ermordet wurden. Doch die Pianistin, die einen Deutschen geheiratet hat, stellt sich diesem Land. Und schreibt und spielt in ihm besonders bewegende Töne. Es sind Töne von starker Innigkeit. Töne einer leisen, unaufgeregten Kommunikation mit weit offenem Horizont. Denn das neue Quartett der Pianistin wirkt musikalisch wie die Verlängerung ihrer eigenen Fingerspitzen. Ganz hohe Sensibilität, sehr feines Aufnehmen und Weitergeben von Impulsen. Ein Ensemble, das sich wie ein Organismus bewegt - getragen von gemeinsamem Atem.

VIELFACH SCHATTIERTE EMPFINDUNGEN

Spannend: Ein Stück, dessen Beginn wie eine sachte Berührung klingt, heißt "Expectations", Erwartungen, Aussichten. Man merkt - und hört und spürt: Die Empfindungen, die diese Musik ausdrückt, sind vielfach schattiert - nirgends eindimensional. Klarinettist und Saxophonist Lothar Ohlmeier ist auch Teil von Julie Sassoons Duo "Inside Colours": Farben von innen. Im Quartett mit Meinrad Kneer am Bass und Rudi Fischerlehner am Schlagzeug finden diese Farben neue Abtönungen: Sie ziehen Spuren in einem Raum, den alle vier Musiker gemeinsam erkunden. Das kann auch mal ganz quirlig sein.

TÖNE, DIE KEINEM KLISCHEE FOLGEN

Und oft ahnt man nicht, wie sie weitergehen könnte, diese aufregende Kammermusik in Jazz-Besetzung. Aus den Wörtern für die Zahl vier und für Lied oder Weise setzt sich der Titel der CD zusammen: "Fourtune". Das erinnert an "Fortune", also Glück, Reichtum. Und das trifft es ebenfalls: eine schillernd-schöne Musik mit vielen Facetten. Musik, die zu berühren weiß mit Tönen, die keinem Klischee folgen, sondern sich dem Hörer auf ganz eigene Art nähern.


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Review on all about jazz

Fourtune is British pianist-composer Julie Sassoon's first quartet recording.
Sassoon's musical approach draws in equal measure on her classical training and on a love of jazz and improvised music. This marriage goes far beyond the translation of a pianistic technique from one musical area to another but becomes something far deeper and more powerfully emotionally moving in her hands. 

The CD features life-and musical partner Lothar Ohlmeier on reeds, along with a remarkably strong rhythm pairing in bassist Meinrad Kneer and drummer Rudi Fischerlehner. From the outset, the sense is of a group where the primary virtues are mutual respect, empathy and a confidence in each other's abilities. Its gently punning title is no accident. 

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VÖ 28.10.2016 JW 173

Record Release Review, Concert at Belgrade Jazz Festival (DownBeat Magazine)

On the festival’s second night, the Croatian singer Vesna Pisarovic presented a Yugoslavian songbook, dedicated to the popular hits of the 1950s and ’60s. She began her career as a chart-oriented performer, but has more recently swerved toward strangeness, with bassist Greg Cohen arranging off-kilter incarnations of this repertoire.

Even with no knowledge of that particular pop era, it was possible for the listener to untangle the connections between catchy lines and new-fangled jazz perversions. Thus, the songs entered a marvelous world of co-existence: hummable, romantic and melancholy, with an overlay of unusual voicings, notably the songs tackled with just saxophone and trombone accompaniment.

Pisarovic started out understated in her presence, but eventually introduced quirky gestures, theatrical expressions and even singing-in-tongues, taking on other personas within a song. (An eccentric hit parade entry!)


taken from DownBeat

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JW 174
7000 Eichen

Das Kölner Duo 7000 Eichen, bestehend aus Matthias Muche und Nicola L. Hein, spielt Frei Improvisierte Musik. Dabei verwenden sie klangliche Idiome und Konzepte, welche sich mit dem Begriff Reduktionismus in Verbindung bringen lassen. Das Spiel mit idiosynkratischen Klängen und die Erweiterung eben jener zu Klangräumen bilden das Rückgrat ihrer Ästhetik.

Diese Klänge werden jedoch, im Gegensatz zur Tradition, auf einem sehr hohen dynamischen und energetischen Niveau gespielt, was ihrer Anwendung und Wirkung ganz andere Dimensionen ermöglicht.

Beide Musiker arbeiten neben ihren internationalen Konzerttouren ebenfalls intensiv im Bereich der Klang- und  Medienkunst.

Muche absolvierte nach seinem Musikstudium in den Niederlanden ein Postgraduierten-Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln und initiierte das Frischzelle Festival für intermediale Performance. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf interdisziplinären Projekten im Bereich Musik, Tanz und Videokunst in denen intermediale Improvisations- und Kompositionskonzepte und deren Rückkopplungsprozesse erforscht werden. Besonderes Interesse gilt ebenso installativen Klangarbeiten im Raum wie die genreübergreifende Klangforschung mit analogen und elektronischen Medien.

Auf der Posaune verbindet sein Spiel die reinen Klangmöglichkeiten seines Instruments mit erweiterten Spieltechniken und schafft einen engen Bezug zur Ästhetik aus dem Bereich der Klangkunst, Neuer Musik und Jazz.

Nicola L. Hein absolvierte ein Studium im Fach Jazzmusik (B.A.) und im Fach Philosophie (B.A.) bevor er das Fach Klangkunstkomposition (M.A.) studierte.
Seine Arbeit bewegt sich zwischen diesen drei Polen: Einerseits Arbeit er als Musiker vorwiegend im Bereich der Improvisierten Musik, der Neuen Musik und im Jazz. Den Ausgangspunkt seiner Klangsprache bildet dabei die Erweiterung der gängigen Spieltechniken um ein breites Spektrum an idiosynkratischen Klängen und Techniken durch Präparationen. 
Darüber hinaus Arbeitet er als Klangkünstler sowohl im performativen Bereich, wobei ein starker Fokus auf interdisziplinären Zusammenarbeiten und auf der Erschaffung von performativ Nutzbaren Klangskulpturen liegt, als auch im installativen Bereich; hier werden besonders philosophische Theorien genutzt und in Klanginstallationen ästhetisch Diskutiert.
Hinzu kommt die Arbeit als Philosoph im Bereich der Ästhetik und der Erkenntnistheorie, welche sich einerseits in Texten niederschlägt und andererseits im Bereich der Klangkunst als angewandte Philosophie ästhetisch durchgeführt wird.

So bildet die Berührung mit der Bildenden Kunst eine weitere, für die Musik von 7000 Eichen entscheidende Dimension und es liegt nahe, dass Künstler wie Paik, Beuys und Cage geistige Paten für künstlerische Ideen und Konzepte von Muche/Hein - 7000 Eichen sind.

Die Namensgebung des Duos ist auch in diesem Zusammenhang mit der Arbeit Joseph Beuys '7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung' anlässlich der Documenta 7 und 8 in den Jahren 1982/87 als Raum-Zeit-Skulptur zu erklären: 
Joseph Beuys zielt mit dieser Arbeit auf die Stärkung bereits bestehender Strukturen in der Stadt als auch in der Gesellschaft. Die in der Struktur dieser Entitäten vorhandenen dynamischen und vitalen Momente sollen stimuliert und gestärkt, die bestehende Struktur soll von einem anderen Standpunkt aus gesehen und in eine andere Richtung entworfen werden.
Diese gedankliche Bewegung liegt auch der Musik von Muche/Hein zu Grunde: Die in der Struktur der verwendeten Sprache bestehenden vitalen und dynamischen Momente sollen fokussiert und ausgearbeitet werden, wodurch die bestehende Sprache Potentiale zeigt, welche selten adressiert oder gar ausgeschöpft werden.

"Ich wollte ganz nach draußen gehen und einen symbolischen Beginn machen für ein Unternehmen, das Leben der Menschheit zu regenerieren innerhalb des Körpers der menschlichen Gesellschaft, und um eine positive Zukunft in diesem Zusammenhang vorzubereiten. "

– Joseph Beuys in Fernando Groener, Rose-Maria Kandler: 7000 Eichen.

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CD REVIEW
JAZZ PAGES   NRW.JAZZ   SALT PEANUTS


JW 175
Breath of Time

Die Zeit atmet. Ein und aus. Sie bläht sich auf, oder sie macht sich schmal und leer, abwechselnd, mit unterschiedlicher Intensität oder auch zugleich an verschiedenen Orten. Manchmal hält die Zeit sogar die Luft an. Jeder weiß das, aber niemand mag es so richtig glauben. Zeit vergeht doch einfach ohne unser Zutun, denkt unser Alltagsbewusstsein. Damit liegt es ja auch nicht ganz falsch. Die Zeit tickt so dahin und fängt nach 24 Stunden wieder von vorn damit an.

Aber wie Zeit vergeht und was sie dabei mit uns macht, das sind die interessanteren Fragen. Abgesehen davon, dass unser Alltagsbewusstsein, das so gern linear denkt, langsam auch mal akzeptieren könnte, dass es seit Einstein die Raumzeit gibt, dass alles in gekrümmten Bahnen verläuft und eben nicht unendlich geradeaus. Aber das ist wirklich sehr schwer zu verstehen.

Improvisierende Musiker wissen mehr über die Zeit und über ihren Atem, auch wenn ihr Wissen ein intuitives ist. Improvisierende Musiker spielen ja nicht einfach drauflos, wie es gerade kommt, und schauen dann, was so passiert. Improvisierende Musiker befassen sich gründlich mit jener Ordnung der Welt, die aus Einatmen und Ausatmen gebildet wird und aus den vielen Konstellationen dazwischen oder manchmal auch aus einer zeitweiligen Überwindung dieses notwendigen Rhythmus, den man dennoch nie ganz vergessen kann. Improvisierende Musiker können erst zu spielen anfangen, wenn sie den richtigen Ton und eine tragfähige Haltung zum Vergehen der Zeit gefunden haben.

Wer nicht allein improvisiert, muss eine Haltung finden, die er mit den anderen improvisierenden Musikern teilt. Improvisation besteht nur zu einem Teil aus Aktivität, aus Spielen und Tun, Suchen und Finden, Aufbrechen und Abbrechen, Weitermachen und Beenden. Ein anderer Aspekt des Improvisierens ist das Geschehenlassen. Das Lauschen, Nachhören, Verstummen, Zurücktreten, Abwarten. Zwischen beiden Arbeitsweisen gibt es keinen Jägerzaun, beide gehen ineinander über oder geschehen gleichzeitig. Das beste, was in einer Improvisation entstehen kann, ist eine Balance zwischen Geschehenlassen und aktivem Beeinflussen. Ein Schwebezustand, in dem man dem Atem der Zeit gehorcht und den eigenen damit in Einklang bringen kann. Nur dann entsteht improvisierte Musik, die nicht nur aufhorchen lässt, sondern miterlebbar wird. Das klingt vielleicht ein bisschen mystifizierend, ist es aber nicht: Man kann es ja hören.

Eric Plandé und Barre Phillips, die zwei verschiedenen Musiker-Generationen angehören, improvisieren frei und zusammen, und sie haben dem Ergebnis den durchaus gewagten Titel 'Breath of Time' gegeben. Das ist eine Art Obertitel. Die Musik ist in 13 Stücke unterteilt, und im sechsten Stück taucht der Obertitel noch einmal als Kapitelüberschrift auf. Eric Plandé öffnet im ersten Stück mit einer aufsteigenden Quinte die Tür, Barre Phillips geht mit seinem sonoren Bass höflich und würdig mit. Ganz am Ende beschließt eine absteigende Quinte den Spielprozess. Wenn so etwas entsteht, ist das nicht unbedingt Absicht. Der Atem der Zeit muss für Eric Plandé und Barre Phillips nicht rhythmisch strukturiert werden, sie finden sich auch so zurecht. Sie schaffen gemeinsame Linienwerke auf mehreren Ebenen, die bei aller Nähe und manchmal auch gegenseitigen Verschlingung immer getrennt bleiben. Und die 13 Stücke entspringen keiner nachträglichen Einteilung, sondern ergeben sich aus gemeinsam gefundenen Anfängen und Enden und neu beginnenden Abschnitten. Sie entstehen aus gemeinsam gestalteten Zeitverläufen.   Hans-Jürgen Linke

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REZENSION, RONDO Nr. 965
Der Amerikaner Barre Phillips ist so etwas wie der Doyen des freien Kontrabassspiels in Europa, seiner Wahlheimat seit 1967. Auch mit 82 ist er noch ein Virtuose seines Instruments, das er auch meisterlich zu streichen weiß und dem er immer wieder berückende, intonationsreine Doppelgriffklänge entlockt. Bei aller Freiheit ist er ein großer Melodiker geblieben, einer, dessen Linien sich immer wieder zu spannenden Motivketten fügen, die stets großartig mit den Hervorbringungen seiner Mitspieler interagieren. Der Tenor- und Sopransaxofonist Eric Plandé ist ein idealtypischer Duopartner für Philipps. Er stammt aus Marseille, also der Gegend, wo der ursprüngliche Romanist Philipps Wohnung genommen hat, und ist dreißig Jahre jünger als dieser. Die sonst so prägende Coltrane-Ära liegt also weit hinter ihm, so dass er ein ganz eigenes Klangideal verwirklichen konnte, das Lyrik und einen kraftvoll spielfreudigen Ansatz miteinander verbindet und um die hohe Kunst des Warten-Könnens und kreativ nachvollziehenden Zuhörens weiß. Dreizehn hinreißende Miniaturen haben Phillips und Plandé unter einem bedeutungsschillernden Titel eingespielt. Es ist faszinierend, wie beide ihr eigenes Ding verfolgen und wie sich auf wunderbare Weise die beiden Individualansätze zu stimmigen, sich gegenseitig in Bewegung haltenden Verschränkungen verdichten. Nichts ist dabei forciert, alles fließt natürlich; ohne metronomische Ausgestaltung atmet die Zeit nach der Taktung eines gemeinsamen inneren Pulses. Kein Wunder also, wenn Liner-Notes-Autor Hans-Jürgen Linke zu intelligent tiefsinnigen Betrachtungen über Zeit und freie Improvisation angeregt wird. Vollendeter kann sich Duospiel kaum ereignen.

Thomas Fitterling, 05.11.2016

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JW 168

WHAT HAPPENED Was hat sich ereignet? Was ist passiert?

Rein faktisch: wir haben diese Quartett-CD eingespielt, unter besten Bedingungen! Ohne zeitliche und kommerzielle Zwänge und mit einem hervorragenden, entspannte, musikerfreundliche Atmosphäre schaffenden Tontechnikteam in den RBB-Studios, wofür wir uns bei dem Produzenten Ulf Drechsel und dem die CD veröffentlichenden Ulli Blobel herzlich bedanken! Mein Ruf für die Ansage an die Technik, am Beginn von What happened, gab , gewissermaßen zufällig und unbeabsichtigt, aber nun doch programmatisch, den Ausschlag zur Wahl dieses Titels für unsere CD.  Die Beurteilung dessen, was sich musikalisch ereignet hat, liegt nun also auch für jeden Hörer (so ihn unsere Musik emotional erreicht) in seinem Ermessen.
Im Sinne des Begriffs Free-Jazz (dem meine musikalischen Äußerungen spätestens seit Mitte der 60er Jahren zugeordnet werden), mag die Titelauswahl auf unserer CD ein wenig uneinheitlich und traditionell erscheinen. Sie ist aber letztlich ein Teil des Konglomerats meines (doch schon etwas länger währenden) durchlebten Musikerdaseins mit den vielen wechselnden Einflüssen und den daraus gewonnenen Einsichten. Ich habe seitdem das Prinzip, hauptsächlich eigene Kompositionen  zu spielen (als seinerzeitige Notwendigkeit, neue Pfade zu beschreiten), stets beibehalten. Die vorliegenden Titel entspringen dem seit unserer Gründung 2011, anlässlich der Wiederaufnahme des Peitzer Jazz-Festivals, unter dem Motto Woodstock am Karpfenteich entstandenen  Repertoire. Selbige sind sehr unterschiedlich und wechseln auch innerhalb einzelner Titel die musikalisch-stilistischen Mittel und Stimmungen.

Ich glaube, dass wir, als 'Freie Musik'-Praktizierende (ich ziehe diesen Ausdruck dem Begriff Free-Jazz vor) mit unseren musikalischen Äußerungen, neben der Möglichkeit und Aufgabe der Reflexion unserer Umwelt in all ihren Erscheinungsformen, auch die Jahrhunderte währende Rolle der Musik als Möglichkeit zur Selbstbesinnung, des Erholens von den Horrormeldungen und Wirrnissen unserer aus den Fugen geratenen Welt nicht aus den Augen verlieren sollten, da sie darin nach wie vor ihre wichtige Aufgabe hat. Diese Einsicht, als ein Teil meines Verständnisses unseres Tuns in der heutigen Zeit, ließ mich auch traditioneller erscheinende Titel, wie Quietude (Stille, Ruhe, Seelenfrieden), On a quiet day oder Song For Rolf's Big Flute für unsere CD auswählen. Ich hoffe, dass es uns großenteils gelungen ist, das Emotionale und Inspirierte eines Live Konzerts, wie bei unserer normalen Bühnenpräsenz, zu vermitteln und hör- und fühlbar zu machen!?

Friedhelm Schönfeld, Berlin im Februar 2016

Hier noch ein paar Worte zu unserem Quartett !
Für mein Wohlbefinden im Leben und auf der Bühne habe ich immer nach Musikern Ausschau gehalten, die mir nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich sympathisch waren. Ich habe nun wiederum das Glück (wie bisher immer in meinem Leben), diese drei meinen Vorstellungen entsprechenden, hervorragenden Musiker als Partner gefunden zu haben!
Die  erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem rührigen, vielseitig aktiven Rolf von Nordenskjöld ist auf das Quartett-Gründungsjahr 2011 zurück zu datieren. Die vielen Klangfarben, die sich aus Rolfs und meinem Instrumentarium ergeben, sind, verbunden mit unseren allgemeinen musikalischen Erfahrungen und Fähigkeiten, nach Aussagen vieler Besucher unserer Konzerte ein das Interesse der Hörer nie ermüden lassender Faktor und kommen großenteils auf dieser CD zum Klingen. Ein hervorragender Bassist wie Gerhard 'Kubi' Kubach ist ebenfalls ein Glücksfall für das Quartett! Mit seinen vielseitigen, musikalisch interessanten, virtuosen Soli begeistert er mich immer wieder aufs Neue. Unsere Zusammenarbeit geht (mit Unterbrechungen) auf die Zeit kurz nach dem Mauerfall 1990/91 zurück. Mein damaliger Drummer (Dieter Keitel) empfahl ihn mir, und ich erfreue mich bis zum heutigen Tag an seinem inzwischen immer noch weiter gewachsenen Spiel. Unser ebenfalls vielseitig aktiver Drummer Ernst Bier rundet das Klangbild mit seinem einfühlsamen Spiel ab, welches die Mitspieler nie in die Verlegenheit bringt, sich seiner Lautstärke erwehren zu müssen. Unsere direkte Zusammenarbeit lässt sich auch auf das Jahr der Quartett-Gründung (2011) zurückführen. 

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JW 170
FIRST CONTACT MIT GESPITZTEN OHREN

Ein intensiv agierendes Duo mit fragil bis massiv sich türmenden Geräuschen. …Werkstatt hochkonzentrierter Soundsuche.‘ Rainer Kobe, JazzNMore (CH)

‚Wenn … tatsächlich (annnähernd) tonale motivische Blitze aufscheinen, zeigt dies nur umso eindrücklicher, welche Emotionalität diese freien Klangkreationen haben können.‘ Thorsten Meyer, Jazzpodium

‚Siebzig Minuten lang währt ihr äußerst behutsamer, einen ungeheuren Spannungsbogen durchlaufender ununterbrochener Dialog. Über die Hälfte der Zeit ertasten sich die Musiker mit der Strukturierung von auf den Instrumenten erzeugten Geräuschen einen sich immer mehr weitenden Raum, erst dann kommen fragmentarisch Melodiepartikel ins Spiel, nie allerdings entsteht dabei so etwas Banales wie ein konventioneller Lauf.‘

Thomas Fitterling, Rondo #951 (****)

Guitarist Andreas Willers (Germany) and saxophonist Urs Leimgruber (Switzerland) are among Europe's most prominent improvisers and free-thinkers. On this outing their experimental metrics are quite rangy and focused, offering the antithesis to a madcap free-form blowing session. The duo alternates between controlled thematic buildups and subdued encounters with polytonal dialogues along with certain parts that elicit notions of exotic birds communicating in a tropical rain forest. …, the artists generate a whole lot of depth via multihued textural components and vastly interesting concepts that often lead to explosive cadenzas and a myriad of fascinating subplots.’ Glen Astarita, allaboutjazz.com(****)

‚Those interested in stocking their larders with nutritious Free Music would be well advised to sample the delicacies displayed.… In each instance they show how different cuisines or musical ideas from different players can be combined effectively and appetizingly.’ Ken Waxman, jazzword.com

‚Es ist Musik wie ein syllabierendes Gespräch zweier Introvertisten, die über verschiedene Variationen der Näherung zueinanderfinden.‘ Ralf Dombrowski, Jazz thing 115

‚Urs s Andreasem tu vlastně splňují baileoyskou vizi čisté improvizace bez minulosti. Pouštějí se do ní však s vnitřní rozvahou, nikoliv bázlivě či příliš opatrně, ale nechávají věci začasté plynout vedle sebe a ono to jaksi zázračně koresponduje.’ Petr Slaby/hisvoice.cz

„Pale White Shout” è un puzzle di fragili ed inaspettate forme, una poema sonoro che scaturisce dal fortunato incontro musicale tra Willers e Leimgruber. Coloro che amano la musica non convenzionale saranno sicuramente molto colpiti dal nuovo album proposto dalla tedesca Jazzwerkstatt.’ evolutionmusic.it


Geräusche formen sich. Leise. Ganz allmählich. Ein Klirren. Ein Zirpen. Ein Rauschen. Pfeifen. Scharren. Sie verdichten sich. Steigern sich rhythmisch. Weiten den Raum. Und dann: Vertraute Gestalten entstehen. Klänge. Leer angeschlagene Gitarrensaiten lassen sich identifizieren. Töne eines Sopransaxophons zeichnen sich ab.

Ein sanfter Sog von Geräuschen, die Musik werden. Die Musik sind. Das ist in diesen Aufnahmen zu erleben. Sie entstanden bei der ersten Konzertbegegnung zweier herausragender Improvisationsmusiker aus Europa: Andreas Willers, geboren 1957 in Norddeutschland, und Urs Leimgruber, geboren 1952 in der Schweiz.

Sie trafen aufeinander in der Nähe von München, in der 'Künstlerwerkstatt' in Pfaffenhofen an der Ilm. Dieser Jazzspielort ist wirklich eine Werkstatt – eine höchst inspirierende noch dazu. Ein altes gelbes Haus auf einer wilden grünen Wiese gleich bei der Bahntrasse. Der größte Raum in diesem Haus beherbergt eine Schreinerei mit Schleif- und Sägemaschinen. Er riecht nach Holz, nach feinen Spänen. An Konzertabenden (die dort regelmäßig seit Jahren stattfinden) laden zerschlissene Sessel und Sofas vom Flohmarkt zum Verweilen ein.

Eine Werkstatt der hochkonzentrierten Sound-Suche machten Willers und Leimgruber an jenem Abend im Sommer 2014 daraus. Dieser 'first contact' zweier Musiker, die zwar viele Aufnahmen voneinander kannten, aber noch nie miteinander Musik gemacht hatten, kam ohne Absprachen, ohne musikalischen Fahrplan aus. Ein Gitarrist mit E-Gitarre, Effektgeräten und ungewöhnlichen Hilfsmitteln wie etwa einer sogenannten Krokodilklemme (Musik-Idee aus dem Baumarkt), die sich an Gitarrensaiten befestigen lässt, um Geräusche zu erzeugen. Ein Saxophonist mit Tenor- und Sopransax, Instrumenten, bei denen das perkussive Tocken der Klappen und gurgelndes Kondenswasser ebenso zum Einsatz kommen wie herkömmlich erzeugte Töne. Die beiden Musiker lassen Momente auf sich zukommen; tasten sich mit leisen Tönen aufeinander zu; und lauschen, was der andere macht.

Ergebnis: ein Abenteuer. Eine Reise ins Nicht-Gekannte. Ein Locken und Verlocken. Ein Entdecken von Tönen und Bewegungen im Raum, die sich umschleichen und Tänze miteinander vollführen. Minute für Minute Überraschungen - bei einem dennoch völlig organischen Zusammenwirken. Manchmal nehmen die Töne Fahrt auf, ballen ihre Energie. Und dann wieder: Annäherung an die Lauschgrenze. Fragile Formen aus Klang, spontan gefertigt im Duft von Holzstaub in einer Werkstatt der Phantasie: die ganz eigene Poesie einer musikalischen Begegnung. Andreas Willers und Urs Leimgruber: ein Aufeinandertreffen gespitzter Ohren.            Roland Spiegel

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JW163

DENK NICHT AN DEN ROSA ELEFANTEN!

Don't think of the pink elephant! Man kennt dieses Phänomen, den 'Rosa-Elefanten-Effekt': Vermeidet man, an einen solchen zu denken, wird er unweigerlich munter durchs Gehirn spazieren. Dieses 'Denkverbot' ist zum Scheitern verurteilt. Immer wenn wir das Stück spielen, blitzt er sofort in meinem Kopf auf – er sieht ein bisschen aus wie Dumbo, ein surrealer, freundlicher Freejazz-Elefant, durchsichtig wie eine Seifenblase, munter vor sich hin trötend, mit großen Ohren. Außerdem flugfähig. Ein Rosa Elefant tanzt zu Happy Vamping im mehrdimensionalen Raum. Sich unerwartet auf der Erde mitten im Ruhrgebiet in der Eigenen Tat wiederfindend wäre er doch soviel lieber ein Würfel und würde im Berliner Tiergarten hocken und mindestens 'Einweinfrei' genießen. In der DDR gab es unter Musikern und Kabarettisten den Begriff des rosa - oder auch grünen - Elefanten, der zur Täuschung der staatlichen Zensur verwendet wurde. Um möglichst viele und wichtige Anspielungen durchzubekommen, wurden extremere Anspielungen als Ablenkungsmanöver in die Rohfassung eingebaut. Eine kleine Maus sieht man nicht nach einem großen Elefanten. "Pfrümmff!" murmelt er lautmalerisch vor sich hin, wie ein Mantra, das ihn daran hindern soll an rosa Elefanten zu denken. Ein sinnloses Unterfangen. Munter trabt er von dannen – Jalla Jalla! Los. Schneller...Nikolaus Neuser verarbeitet solcherlei Bilder und Assoziationen in seiner Musik. Seine Ideen sind oft außermusikalischen Ursprungs, oftmals durch Philosophie oder Wissenschaft inspiriert. Er bewegt sich frei zwischen Jazz und improvisierter Musik, ohne Dogma, nicht klischeehaft, sondern mit Neugier. Sein Spiel ist phantasievoll und forschend. Seine Kompositionen sind vielschichtig, manche sind wie Collagen, die dekonstruktiv hinterfragt und aufgelöst werden. Es sind paradoxe und verdrehte Geschichten, die hier erzählt werden, surreal, aber wie aus einem Guss. Dekonstrukt ... schon wieder eine Baustelle. Berlin. Hier wird auf- und abgebaut, zerlegt, umgezogen, abgerissen, dann wieder alles neu gemacht oder irgendwie anders wieder hingestellt.Seit Anfang des Jahrtausends lebt Nikolaus in Berlin und seit mehr als 10 Jahren arbeiten wir in verschiedenen

Ensembles zusammen. Er ist außerdem Mitglied meiner beiden Eric Dolphy-Ensembles Potsa Lotsa und Potsa Lotsa Plus. In seinem Quintett vereint er Musiker der aktuellen kreativen Berliner Szene, die seit Jahren in unterschiedlichen Zusammenhängen miteinander musizieren. Ich freue mich, dass dieses Album nun vorliegt - und dass ich daran beteiligt bin! ... halluzinierend? Ein Zoo taucht auf... er breitet seine Ohren aus und fliegt davon. Was soll's, denkt er, worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen. Die Luft ist klar, von irgendwo ist eine Trompete zu hören.

Wo zum Teufel gibt es Albinoelefanten? Man muss nicht unter Halluzinationen leiden, um einen rosa Elefanten zu sehen. Sie sind nicht bloß ein Produkt unserer Phantasie, und es ist durchaus möglich ihnen in freier Wildbahn zu begegnen. Als Albinos treten sie in Schattierungen von weiß bis rosa auf und sind in allen von Elefanten besiedelten Räumen aufzufinden.

                                                                   Silke Eberhard im September 2015

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ML7009
MAHAPHON CLANG ÜBERBRÜCKT DIE KLUFT DER GENERATIONEN

Die Kluft der Generationen wird häufig durch einen Mangel an Verständnis zwischen Alt und Jung definiert. Besonders im Hinblick auf Dinge wie Musikgeschmack, Mode, Technik und Politik gilt diese Annahme. Nun, meine Erfahrungen mit Mahaphon Clang beweisen das Gegenteil.
Lasst uns beim Thema Musikgeschmack beginnen: 2009 lud mich Dr. Ulrich Kurth, ehemaliger Jazz-Impresario des WDR, der in den 1990er Jahren mehrere meiner Projekte produziert hatte, zu einem Konzert von Lautstark!4 in den Kölner Stadtgarten ein. Die Band bestand aus einem spannenden Quartett, darunter die beiden Söhne Jan und Matthias Kurth sowie Lutz Streun und Demian Kappenstein. Ich besuchte gemeinsam mit meiner Frau das Konzert. Die Energie, Kreativität und Musikalität dieser jungen Musiker hat uns buchstäblich umgehauen. Wir waren total begeistert. Ein Jahr später bekam ich einen Anruf der Brüder Kurth. Sie luden mich ein, als Gast bei einem Konzert von Lautstark!4 im Kölner Loft mitzuspielen. Es fühlte sich wie die natürlichste Sache der Welt an, mich in das Improvisationskonzept dieser Band einzufügen!
Nun zum Thema Mode: Als ich die Band das erste Mal sah, traten die vier jungen Herren in verschieden farbigen Sweat Suits mit Kapuzenpullovern wie Hip Hopper oder Rapper auf. Dabei spielten sie eine Musik, die alle Genres einschloss. Als ich ein festes Mitglied der Gruppe, die sich nun Mahaphon Clang nannte, wurde, bekam ich ein schwarzes Sweatshirt, selbstverständlich mit Kapuze, geschenkt.
Jetzt das Thema Technik: Allerlei Gerätschaften, vom einfachen Megaphon (einer der Gründe für den Bandnamen) bis hin zum iPhone, kommen zum Einsatz, um die Musik zu bereichern.
Weiter zu Politik und Kultur: Seitdem ich einige Male mit Jan, Matthias, Lutz und Demian auf Tour in Ländern wie Indien und seinen Nachbarn Pakistan und Bangladesch war, weiß ich erst um das ausgeprägte politische und kulturelle Bewusstsein ihrer Generation. Ihr Verständnis von der Welt als Ganzes ist nicht mit dem meiner Generation im gleichen Alter zu vergleichen. Es war wunderbar für mich zu sehen, mit welchem Respekt und Enthusiasmus diese jungen Herren alle Herausforderungen des sich Durchschlagens in fremden Ländern annahmen. Was für eine großartige Erfahrung, gemeinsam mit Mahaphon Clang die Städte Chennai, Bangalore, Delhi, Chandigarh, Karachi und Dhaka zu erleben.
Diese CD ist ein Abbild der Mahaphon Clang Tour 2014 durch Indien, Pakistan und Bangladesch. Auch wenn die Tour insgesamt nur 16 Tage dauerte, reiste die Band durch sechs Städte im Zickzack über den Subkontinent, spielte ein halbes Dutzend Konzerte und verbrachte drei Tage im Clementine Studio in Chennai.
Trotz des hektischen Tourplans mit Zug- und Flugzeugreisen, Ein- und Auschecken in Hotels, Proben und Konzerten habe ich noch nie eine solch unbeschwerte Band unterwegs erlebt. Pünktlichkeit war nie ein Thema, etwas, das bei den meisten Gruppen, mit denen ich reise, sonst immer ein Problem ist. Ich bin oft mit älteren europäischen Kollegen gereist, die dem Essen auf dem Subkontinent gegenüber sehr vorsichtig und wählerisch waren. Aber die Jungs von Mahaphon feierten die Küchen von Goa, Tamil Nadu, Sindh und Bengalen! Jedes kleinere Magenproblem wurde einfach ignoriert, während sie sich durch goanisches Fischcurry an einem Tag, Masala Dosa in Chennai am nächsten Tag, Garlic Butter Nan und Paneer Tikka Masala in Karatschi und Ras Malai in Dhaka aßen.
Die Musik auf diesem Album ist der Höhepunkt all dessen, was auf unserer Tour geschah. Die Studio Sessions waren impulsiv und spontan, und wurden live aufgenommen. Für mich als Musiker, der schon vieles gesehen und gehört hat, waren die Mahaphon Clang Sessions ein echter Augenöffner; eine fantastisch frische Herangehensweise an das Entwickeln und Aufnehmen von Musik. Bhangra Grooves, rhythmische Pattern, die auf südindischen Konzepten basieren, Licks auf der bundlosen Gitarre, Bassklarinettenlinien über Octavdivider, Stimmverzerrung durch Megaphone, all dies durchsetzt mit akustischen Drums, Cajon, Tavil, Kanjira und Konakol verbinden sich zu einer Musik, die sich alle Genres zu eigen macht und letztendlich vereint.  
Ramesh Shotham  Übersetzung: Alexandra Putlitz 

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JW164
Bei Peter Ehwald sind klare kompositorische Ideen stets gepaart mit entfesselter Spielfreude und Spontaneität. Dabei umkreisen ihn seine Bassisten eindrucksvoll. Andreas Lang bringt das Erdige, Robert Landfermann steuert Improvisationstechniken jenseits des Jazz-Idioms bei. Das Schlagzeugspiel von Jonas Burgwinkel ist unvorhersehbar und energetisch. Genau das macht die Musik von Double Trouble zu einer von heute: relevant, glaubwürdig und authentisch. Das zweite Album ist überfällig! Passend zum originären Sound der Band und den energiegeladenen Liveauftritten ist die Veröffentlichung auf dem Berliner Label jazzwerkstatt diesmal ein Konzertdokument.

JW 160 - 3 CD BOX
A TRIBUTE TO ORNETTE


JW 079 - DAVE LIEBMAN GROUP | TURNAROUND - THE MUSIC OF ORNETTE COLEMAN .Viel wurde schon geschrieben über das musikalische Erbe von Ornette Coleman, über seinen 'harmelodischen‘ Ansatz und seinen allgemeinen Einfluss. Allein seine frühen Aufnahmen aus den späten 1950er und frühen 1960er Jahren und aus dieser Zeit insbesondere die Doppelquartette von 'Free Jazz' reichen aus, um ihm einen Platz in der Musikgeschichte zu sichern. Wie in jeder großen Musik ist es auch hier der Geist, der am hellsten strahlt. In Ornettes Musik waltet der Geist der Freude, der alles durchdringt und dem es zu verdanken ist, dass alle seine Kunst so sehr lieben. Seine Musik ist Ausdruck einer unbändigen Lebensfreude. Erhebend und traurig, verspielt und todernst zugleich, umfasst sie das gesamte Spektrum der menschlichen Existenz. In tiefem Respekt vor einem wahren Individualisten und Meister seines Metiers hoffe ich, dass Ihnen unsere Ornette-Coleman-Reise gefällt. Dave Liebman .


JW 115 - BRÜNING/GRIENER/PETROWSKY/PRINS | ORNETTE ET CETERA Der gründlichste Weg, ein Vorbild zu verfehlen, besteht darin, es zu imitieren. Hier aber wird die Musik von Ornette umspielt und assoziiert, ergänzt durch eigene Spontankompositionen, niemals nachgeahmt. Aus dem Fundus von Ornette Coleman zu schöpfen bedeutet, aus dem Fundus der Freiheit zu schöpfen. Das Et cetera wird nicht zur Floskel, sondern zum Bestandteil des Wesentlichen: im Übrigen, und so fort, eines fließt aus dem anderen. Musik aus dem Geist von Coleman weist über Ornette hinaus. Seine Kompositionen sind allenfalls Startrampen für die von ihm rhetorisch gestellte Frage "Was spielt man, wenn man das Thema gespielt hat?" Dieses exzeptionelle Quartett beflüget sich nicht nur bei dessen Hommage à Ornette, sondern auch und vor allem beim Et cetera. Als 'Union of Sounds' fliegen die Vier durch den Raum, ganz im Sinne von OC, der einmal sagte: "Es ist möglich, unisono zu spielen, auch wenn jeder eine andere Tonart intoniert." Das Quartett folgt seinem Leitbild in der Perfektion des Unperfekten, in der Sinngebung des Zufälligen, in der Intuition, mit der die individuellen Stimmen etwas Gemeinsames gestalten: eine Art mobile Architektur. Auch der Ort, an dem die Aufnahmen zu dieser CD entstanden, lässt neuere Jazzgeschichte aufleuchten. Das Ernst-Ludwig Petrowsky jahrzehntelang vertraute Studio im Komplex des ehemaligen DDR-Rundfunks – eine Insel, eine Klangkapsel inmitten des Verfalls – inspirierte die Aufnahmesessions. In kürzester Zeit wurde das Gültige dem Moment abgetrotzt.                                                                                  

NEW - NEW -NEW

JW 154 - ORNETTE COLEMAN | LIVE

Free Jazz, eine Kollektivimprovisation von Ornette Coleman, vor Weihnachten 1960 in New York für Atlantic Records aufgenommen, gab einem Neuen Musikstil im Jazz den Namen. Fortan war Ornette Coleman Wegbereiter und Motor dieser Musik und blieb weiterhin stilbildend. Er starb am 11. Juni 2015 mit 85 Jahren.                                                                                       Ulli Blobel

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