TRENNWAND


In Jean Renoirs Kultfilm 'Die große Illusion' sagt der aus Deutschland fliehende Protagonist Maréchal sinngemäß den folgenden Satz: ''In der Natur gibt es keine Grenzen, sie sind eine Erfindung der Menschen.'' Folgt man dieser Auffassung stellt die Grenze vor allem ein kulturhistorisches Phänomen dar. Als weitläufigste und geschichtsträchtigste Erscheinungsform der Grenze nimmt die Mauer eine besondere Rolle ein. In ihrer Funktion der Abschirmung gegen ein Außen erfüllt sie ihrem Wesen nach eine Funktion, die der Sehnsucht des Menschen nach

Gemeinschaft, Berührung, Nähe und Austausch zutiefst widerspricht.

Warum werden dennoch Mauern errichtet? Weil sie Schutz versprechen lautete das Argument.

Doch wovor sie schützen sollen und können, muss deshalb stets hinterfragt werden, weil Freundschaft immer erstrebenswerter als Feindschaft bleiben wird. Bei Brecht heißt es dazu: ''Die Tatsache der menschlichen Einsamkeit macht Feindschaft zum unerreichbaren Ziel. D.h. niemals können Menschen so miteinander befeindet sein, wie sie in einem kreatürlichen Sinne befreundet sein müssen.''

Wovor schützen Mauern? Vielleicht schützen sie uns nicht nur vor möglichen Feinden, sondern auch vor der Anstrengung unseren kritischen Verstand zu benutzen und selbstbestimmt zu leben. Mauern einzureißen und Grenzen zu sprengen erfordert daher immer auch Mut, sich kritisch zu positionieren und den Willen, die eigne Komfortzone zu verlassen.

Daran erinnert der in Potsdam und Glindow lebende Künstler Chris Hinze mit seiner Arbeit ''Trennwand''. Im Kesselhaus der Kulturbrauerei Berlin hat Hinze eine aus OSB Platten bestehende Trennwand errichtet, die die BesucherInnen mit dem feindlichen Charakter der Mauer buchstäblich konfrontiert. Obwohl es sich bei der Trennwand allem Anschein nach um ein Übergangsphänomen handelt, entfalte sie solange sie da ist, vollumfänglich ihre trennende Kraft. Doch bei genauerem Hinblicken zeigen sich Möglichkeiten, die räumliche Isolation zu

überwinden und damit gleichsam die legitime Existenz der Mauer in Frage zu stellen. Z.B. gibt es eine durch einen Vorhang verdeckte Öffnung, die zu der gegenüberliegenden Seite führt – ein klares Indiz für die Zerbrechlichkeit und Überwindbarkeit der Mauer. An anderer Stelle ist ein Hindurchblicken und Hindurchfassen durch die Trennwand möglich. Zwar nicht unmittelbar,

weil die klare Sicht durch eine Plexiglasscheibe und das freifühlende Hindurchtasten durch Gummihandschuhe erschwert wird. Aber allein die Möglichkeiten zu erkennen, ermutigt einen Schritt nach vorne zu wagen. Auf die Mauer zuzugehen. Sie zwar als vorübergehend anzuerkennen, aber eben nicht länger als wirklich nötig!

Wie reagieren wir auf die Mauern, in Form von Maske, Sichtschutz, Handschuh und Kontaktbeschränkung in der aktuellen pandemischen Weltsituation? Können wir uns jemals vollständig an sie gewöhnen? Inwieweit und wie lange müssen wir das überhaupt?

Diese Fragen, Stimmungen und Ambivalenzen bleiben auch nach Ausstellungsende von ''Trennwand'' aktuell und werden wohl auch bis über das Ende der Pandemie hinaus bestehen?  Text 13.03.2020
Von Lukas Treiber - Philosoph, Kunsttheoretiker und Kurator


jazzwerkstatt Peitz 57: Die Band UNITY 5 zusammen mit Marie und Ulli Blobel © Foto: Ingrid Hoberg

WOODSTOCK AM KARPFENTEICH IN ZEITEN VON CORONA
Getrieben von jugendlicher Aufmüpfigkeit und künstlerischer Neugier entstand vor 50 Jahren in Peitz, einer Kleinstadt im Osten der Lausitz, die Idee einer Jazzwerkstatt. Binnen weniger Jahre mauserte sich der Ort zu einem Hotspot des internationalen Jazz in der DDR. 1982 schob der Staat der Erfolgsgeschichte, die zuletzt bis zu 3.000 Jazzenthusiasten an die polnische Grenze lockte, einen Riegel vor und entzog den beiden Initiatoren Ulli Blobel und Peter 'Jimi' Metag die Genehmigung. Seit 2011 nun trifft sich der Jazz wieder am Rande der Lausitzer Teichlandschaft – 2020 in der 57. Auflage.

In Peitz - ehedem brandenburgische Festungsstadt, heute geprägt von einem der dreckigsten Braunkohlekraftwerke Europas, dessen Silhouette die idyllische Teichlandschaft weithin dominiert - nahm die Jazzwerkstatt vor 50 Jahren ihren Ausgang. In diesem Jahr, Corona bedingt vom Frühjahr auf den Herbst verschoben und mit erheblich reduziertem Publikum, feiert die Jazzwerkstatt ihre 57. Auflage. Im Zentrum des Geschehens steht das Festivalzelt, das eingequetscht zwischen dem zinnenbedeckten Peitzer Rathaus und der kleinen Stadtkirche, die der Schinkelschüler und preußischen Hofbaumeister Friedrich August Stüler 1854 gebaut hatte, Platz für vielleicht 200 Menschen bietet. Sie sind heuer der Einladung von Ulli Blobel, 1950 in Peitz geboren, trotz Corona gefolgt. Ausverkauft. Dennoch hatte die Jazzwerkstatt in diesem Jahr - gemäß der Abstandsregeln - so wenige Zuhörer wie nie. Hier im Zelt, in der Kirche nebenan und auf dem Open Air am Fuße des Festungsturmes um die Ecke bietet das dichte Programm der Jazzwerkstatt an zwei Tagen 18 Konzerte mit knapp 50 Musiker*innen.

Eigentlich sollten sich im Jubiläumsjahr 2020 Jazzer vor allem aus der amerikanischen und britischen Szene ein Stelldichein geben. Die Reisebeschränkungen haben die Planungen durchkreuzt, aber nicht ganz verunmöglicht. Denn mit Ralph Towner, Trevor Watts & Jamie Harris und Kit Downes sind trotz Pandemie mindestens drei Jazzlegenden aus der angloamerikanischen Szene in die Lausitz gekommen. Ihre zeit- und nervenraubende Anreise mit dem Auto durch den Tunnel des Ärmelkanals nonstop durch Belgien in den tiefen Osten hört man den Künstlern in keinem Takt ihrer furiosen Auftritte an.

Die Bewältigung von Hindernissen war immer schon ein Ding der Jazzwerkstatt Peitz. Alles begann mit dem Erschleichen einer Genehmigung zur Nutzung des ortsansässigen Filmtheaters - das heute am Rand des Städtchens vor sich hingammelt - durch einen befreundeten Ortspolizisten. Blobel und Metag (1950 – 2013), gerade der Schulbank entwachsen, wollten nicht mehr Montag für Montag nach Berlin fahren, um abends in der 'Melodie' oder am Deutschen Theater Jazz hören zu können. Also holten sie den Jazz nach Peitz – die Geburt des Festivals aus dem Geist von Bequemlichkeit und jugendlichem Snobismus: Blobel und Metag hatten die nächtlichen Bahnfahrten nach Berlin und die Übernachtungen in der Mitropa satt. Bereits Anfang der 1970er Jahre zählten Musiker wie Klaus Renft, Klaus Lenz oder Tomasz Stańko zu den Gästen der Peitzer Jazzwerkstatt. Der Begriff der Werkstatt war dabei nicht nur eine Floskel, vielmehr bot Peitz dem Jazz im Osten eine Versuchsbühne: Nicht den Westen nachspielen, sondern das Experiment suchen, unter den Bedingungen der musikalischen und ideologischen Beschränktheit des Regimes, das den sozialistischen 'Lipsi-Tanz' kultivierte und wenig für musikalische Aufbrüche übrighatte. 'Weltniveau' im Überwachungsstaat. Manch einer der Jazzer aus dem nicht-sozialistischen Ausland reiste unter falschem Namen an. Auch deutsch-deutsche Ensembles waren von Staats wegen unerwünscht. So wurde aus dem Dresden-Wuppertaler Duo Günter „Baby“ Sommer und Peter Kowald 1976 kurzerhand das Sommer-Winter-Duo. Nur die Jazz-Gemeinde wusste, was hier gespielt wurde.

Jahr um Jahr kamen mehr Jazzbegeisterte, Anfang der 1980er Jahre waren es bis zu 3.000 Gäste. Wenngleich die Jazzwerkstatt für das Regime schwer zu fassen war - die kleine Szene war wenig strukturiert, nicht zentral organisiert - zwang allein die große Teilnehmerzahl den Staat schließlich zum Eingreifen: "Werter Kollege Blobel!", so beginnt der Brief des Peitzer Bürgermeisters vom 17. Mai 1982, "wir teilen Ihnen hierdurch mit, dass Ihnen mit sofortiger Wirkung die Berechtigung zum Abschluß von Vereinbarungen und Verträgen jeder Art zur Vorbereitung und Durchführung von Jazzveranstaltungen und anderer Konzertveranstaltungen entzogen wird." Der Sargnagel für das heimliche Mekka des Jazz in der DDR. Metag bleibt in Peitz, Blobel geht – nach Wuppertal, ruiniert sich in New York binnen weniger Monate durch zu große Projekte, rappelt sich als Musikproduzent  von Ginger Baker, mit dem Schwerpunkt afrikanischer Jazz wieder auf und macht schließlich gutes Geld als Schallplattenproduzent – sein Jugendtraum.

Im November 1989 erfährt Blobel in Brasilien von einer deutschen Nonne, dass "das Reich wieder eins" sei. Erstmals nach seiner Ausreise besucht er Peitz, seine Eltern. Und knüpft zwölf Jahre später an das 1982 verbotene 'Woodstock am Karpfenteich' an, bringt wieder Jazz nach Peitz. Die Jazzwerkstatt bleibt ein Zuschussgeschäft. Und auch 2020 ist es so verrückt wie berückend, hier in der Provinz internationale Stars der Jazzszene zu erleben: ob Ralph Towner oder Trevor Watts, ob Alexander von Schlippenbach, Wolfgang Schmidtke oder Helga Plankensteiner mit Florian Bramböck; ob Baritonsaxophon, Portativ, Sheng, Drums oder Orgel: Am Karpfenteich treffen sie sich. Viele alte Jazzer aus aller Welt, wenige Frauen. Blobel sieht das pragmatisch: "Die Musiker sind alt. Das Publikum ist alt. Ich bin alt. Wir machen weiter." Wir: Das sind er und – 2020 erstmals - seine Tochter Marie, die den Stab langsam übernehmen soll. Wäre doch schön, wenn 2040 zu Blobels 90. Geburtstag das 77. Festival in Peitz über die Bühne gehen könnte. Auch weil es in Peitz um sehr viel mehr geht als die Musik: Wenn hier der Jazz aufspielt, steht auch das Bekenntnis zur Förderung strukturarmer Regionen im Osten der Republik auf dem Programm.

Die Jazzwerkstatt Peitz ist Thema in der Ausstellung 'Störenfriede. Kunst, Protest und das Ende der DDR', die noch bis zum 2. Mai 2021 im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig zu sehen ist.

Dr. Stephanie Jacobs - Deutsche Nationalbibliothek / Leiterin Deutsches Buch- und Schriftmuseum

Leipzig / 16. September 2020
Link: https://www.dnb.de/DE/Kulturell/WechselausstellungDBSM/wechselausstellungDBSM_node.html

      Ulli Blobel und Gerd Dudek | Foto: Michael Lösch

Jazzwerkstatt Peitz
als Teil des Transformationsprozesses für die Lausitz: "… mit Kultur verändern!"

Ich wünsche mir, und daran arbeite ich, dass meine Projekte in ein konzeptionelles Ganzes münden, in dem sich Künstlerisches, Kulturpolitisches und Privates berühren, verzahnen und wechselseitig spiegeln. Hier geht es um Momente des Glücks, um Erlebnisse, vielleicht nachhaltige und natürlich um Kunst.

In ferner Vergangenheit gab es mit der jazzwerkstatt Peitz sogar Prägendes für die Musik und für Teile der Gesellschaft, nicht bewusst, aber trotzdem haben wir die SED-Diktatur herausgefordert, vielleicht auch geholfen, den Zerfall der DDR zu beschleunigen. Vor allem aber hatten wir Visionen, die improvisierte Musik und den Free Jazz nach vorne zu bringen, Konventionen zu brechen und gesellschaftliche Freiräume zu schaffen.

Heute existiert diese Vision nicht mehr, der Free Jazz ist Teil der an Musizierstilen reichen Jazzmusik.
Immerhin, wir waren dabei: die Künstler, das Publikum und wir Veranstalter. Jetzt kann ich nur noch bestrebt sein, gute Musik auf die Bühne zu bringen, will mich dabei nicht auf Jazz beschränken. Moden im Jazz kann ich nicht folgen, kulturpolitische Entscheidungen immer weniger nachvollziehen, wo es doch um uns herum in Riesenschritten rückwärtsgeht, Populisten die Bühne mit Hetze und dumpfen Parolen erklimmen. Mir dreht es das Herz um, dass die AfD den Platz der jazzwerkstatt am Festungsturm zu Peitz dafür nutzte, vor großem Publikum (FAZ, Süddeutsche, Bild und viele andere berichteten) das Bild von Peitz zu ändern. Das Woodstock Am Karpfenteich in den Schatten zu stellen. Auf You Tube ist die demagogische Rede von Alice Weidel zu hören, in der sie den Klimawandel leugnet, verbal entgleist und die notwendigen Transformationsprozesse in der Lausitz in Frage stellt.

Meine Antwort darauf: Kultur- als alternativer Transformationsprozess für die Lausitz.
Die jazzwerkstatt Peitz Nr. 57 und die jazzwerkstatt Peitz Nr. 58 im Jahre 2021 schließe ich in dieses Projekt ein, JazzLand Brandenburg auch.
Ins besonders möchte ich mit einer Sonderausgabe der jazzwerkstatt am 24./25. April in Peitz und am 26./27. April in Cottbus "nach der Wahl, ist vor der Wahl - Aktionstage gegen Populismus" mit Mitteln der Kunst, für Humanismus, für eine vielfältige Gesellschaft und für eine neue Klimapolitik werben.

Ich wünschte mir, es würde heute hinsichtlich der Musik weiterhin so sein wie damals, aber das kann ich noch nicht ermessen, auch nicht erkennen, wohin es mit dem Jazz läuft. Sehr viele Akteure sind auf der Bildfläche. Arbeiten wir weiter, hier schließe ich andere ein, auch in meiner Nachfolge Marie Blobel. Denn die Welt darf nicht so sein, wie sie jetzt ist (auch wenn sie wohlhabender ist als jemals zuvor). Das darf ein öffentlich agierender Veranstalter nicht hinnehmen.
Anders als damals, aber auch jetzt braucht es Veränderungen. In der Gesellschaft, in der Politik und in der Kultur müssen diese herbeigeführt werden. Ich kann das nur mit Mitteln der Musik, heute bewusst, auch das ist anders als damals, indem die jazzwerkstatt im Land Brandenburg, aber auch auf allen ihren Bühnen, Vielfarbigkeit, Toleranz, gesellschaftliches Miteinander garantiert und großartige Kunst präsentiert.

Bekennen wir uns hierzu.
Das vielseitige Programm der jazzwerkstatt, siehe Anlagen, soll Beitrag hierfür sein.

Ulli Blobel im September 2019


Ulli Blobel und Peter 'Jimi' Metag - jazzwerkstatt Peitz Nr. 48 - 2011 - Foto: Ingrid Hoberg

Ostkurve

Weltall, Erde, Mensch

Seit 2013 wanderte sie durch Deutschland und erzählte von Freiheit in der DDR. Jetzt kehrte sie heim, begrüßt von Liebhabern und Laudatoren, mit Sekt und gebührender Musik. Künftig wohnt die Ausstellung Free Jazz in der DDR im Eisenhütten- und Fischereimuseum zu Peitz. Und dokumentiert Weltniveau im Überwachungsstaat.

PEITZ! Ein Name wie Donnerhall. Zwei eingeborene Anarchisten, Ulli Blobel und Jimi Metag, veranstalteten dort von 1973 bis 1982 die Jazzwerkstatt. Sie unterliefen das staatliche Erlaubniswesen und lotsten Europas Free-Jazz-Elite per Privateinladung in die Lausitz. Handgetippte Info-Zettel annoncierten brieflich die konspirativen Konzerte. Man überwies zwanzig Mark und brach auf. Die Reichsbahn füllte sich mit Gleichgesinnten. Peitz war eine klassenlose Gesellschaft. In Jeans und Kutten gewandet, behängt mit Hirschbrüllbeuteln, zog die Prozession vom Bahnhof zum Kino, dem eine Kneipe angeschlossen war. Vor der Kunst galt es ortstypische Delikatessen einzunehmen: Bockwurst und Bier. Die Sichtweite im zugequalmten Schankraum betrug zwei Meter.

Heerscharen schwer regierbarer DDR-Bürger pilgerten ins Gelobte Städtchen, lauschten Instrumental-Ausbrüchen und wurden unheilbar liberalisiert. Das ging lange, doch nicht ewig gut. Nach Werkstatt Nr. 47 schlug der Verbotshammer des SED-Staats zu. Ende Gelände, bis zur Wende. Ulli Blobel emigrierte 1984 in den Westen. Jimi Metag ruht auf dem Friedhof von Peitz. Blobel kehrte nach dem Tod der DDR zurück und blieb ein rastloser Vermittler improvisierter Musik. In seinem Plattenverlag Jazzwerkstatt erschien Woodstock am Karpfenteich, ein Memoir-Buch mit CD, das auch Nachgeborene erleuchtet. Alljährlich wallfahrtet die Szene wieder nach Peitz, musikgeschichtlich gereift. Törichte Freiheits-Dogmen sind gefallen, Harmonien inzwischen erlaubt. Im Juni 2017 erklang gar Bach, nebst anderen Weltstars wie Anthony Braxton, Miroslav Vitous und Baby Sommer. Umjubelt wurden die altwürdigen Heldengebläse Friedhelm Schönfeld, Heinz Sauer, Manfred Hering, Rolf Kühn. Jüngere Liebe empfingen die Pianistinnen Julia Kadel und Julie Sassoon und Christian Lillinger, der trommelnde Hyperaktivist. Mystisch geriet das Nachtkonzert in der Festungsscheune. Urgewaltig schrie Thomas Borgmanns Saxophon zum Vollmond empor. Borgmanns Dackel Theo sprang aufs Podest und fiel stimmlich ein. Was ist Free Jazz? Ein Dreiklang: Weltall, Erde, Mensch.

Christoph Dieckmann

DIE ZEIT, 14. Juni 2017


Ulli Blobel © Foto:  Uwe THEO Kropinski

10 JAHRE JAZZWERKSTATT IN BERLIN UND BRANDENBURG - EINE BILANZ.

Nach einer Buchlesung aus FREIE TÖNE, im Herbst 2006 in Thüringen, traf ich Jazzfans und Musiker, Journalisten und Veranstalter der ehemaligen Jazzszene der DDR in Eisenach nach etwa zwanzig Jahren erstmals wieder. Sie berichteten resigniert über die verschlafene Situation im Berliner Jazzleben, das in Ost und West mehr oder weniger nebeneinander dümpelte. Große Impulse gab es nicht. Das stimmte mich nach fast zwei Jahrzehnten Abwesenheit vom Jazzleben traurig, obwohl ich eigentlich über die vielen Wiederbegegnungen froh war. Die Nacht im Hotel auf der Wartburg war unruhig, ich dachte nach und auf der Heimfahrt nach Wuppertal erzählte ich meiner Frau Uschi, dass ich wieder etwas für den Jazz tun wolle. Wenige Monate später wurde der Förderverein jazzwerkstatt Berlin- Brandenburg e.V. (Gründungsmitglieder: Uschi Brüning, Ernst-Ludwig Petrowsky, Ernst Bier, Uwe Kropinski, Friedhelm Schönfeld) gegründet und das erste Konzert fand im September 2007 im Kammermusiksaal mit diesen Gründungsmitgliedern und dem Peter Brötzmann Trio Sonore statt.

Bis heute fanden in den unterschiedlichsten Konstellationen und auf den unterschiedlichsten Bühnen fast 1.000 Konzerte statt, auch Festivals (European Jazz Jamboree, Orient + Okzident, erstmals schon 2008, Discover US, Berlin Meets Africa, Berlin in New York, 2010 in Brooklyn), Konzertreisen und Austauschprogramme in und mit vielen europäischen Städten (Rom, Palermo, Lana in Südtirol, Luxembourg). Der Höhepunkt war seinerzeit die Neugründung der jazzwerkstatt Peitz vor sieben Jahren, dazu die Buchveröffentlichung über die Geschichte des einstmals größten zeitgenössischen Jazzfestivals der untergegangenen DDR: 'Woodstock am Karpfenteich'.

Das Label jazzwerkstatt veröffentlichte in den 10 Jahren seines Bestehens 175 CDs, weitere 20 auf dem der World Music vorbehaltenen Label Morgenland, 30 auf dem der Kammermusik zugedachten Phil.harmonie und 50 auf ITM Archivs. LPs, DVDs, eine Box jazzwerkstatt Peitz Nr. 50 und sechs Buchveröffentlichungen kommen hinzu. Viele Veröffentlichungen fanden in die Bestenlisten der Deutschen Schallplattenkritik oder wurden 'Record Of The Year' im New York City Jazz Journal, die Covers bekamen Preise für die Gestaltung und 2014 dann den Deutschen Designpreis in Silber.

Das ist eine ordentliche Bilanz.

Das zu erreichen war nicht immer leicht, Hürden mussten überwunden werden, Skeptiker überzeugt und Förderer, staatliche, gesellschaftliche und private, gesucht und gefunden werden. Kulturpoltisch wurde in diesen 10 Jahren viel bewegt. Heute blicken wir auf eine äußerst aktive, ideenreiche und kräftige Jazzszene. Die jazzwerkstatt hat hierzu ihren Beitrag geleistet.

Obwohl es mit dem Jazz für mich nicht so leicht ist. Die Musik ist so breit gefächert, dass sie mir alles oder nichts bedeutet, es kann tiefgründiges emotionales Musizieren sein. Kunst im besten Sinne.
Jazz kann aber auch 'unterhaltsam' und flach sein, auf ein die Füße wippendes Publikum schielen, Jazz heißt es auch, wenn Swing-Orchester zum Tanz aufspielen und niemand tanzt, wenn junge Musiker wie die alten klingen wollen, sich Till Brönner wie Frank Sinatra gibt, wo er doch so gut Trompete spielt. Wenn Jazz in einer Bar den Martini schal werden lässt, wenn junge Sängerinnen wie Billy Holiday klingen wollen, es aber aufgrund ihrer fehlenden Lebenserfahrung nie so wie sie schaffen können, oder wenn eine rote Posaune Christmas-Songs in ausverkaufte Säle schmettert. Das alles nennt sich Jazz. Das alles will ich nicht!

Mir dreht es zuweilen 'die Ohren um'. Ich arbeite für eine Jazzszene, in der es um zeitgenössische Musik geht, gleich ob improvisiert oder komponiert. Work-in-progress, nicht nur auf der Bühne, auch in Programm- und Produktionsstrukturen. Das ist meine Sache. Das ist das Profil der jazzwerkstatt. Hierfür nimmt man dann auch, und das ist oft schmerzhaft, ein kleines Publikum in Kauf.

Daher auch meine Arbeit im weiten Feld der Kammermusik, denn die Brücke zwischen dieser und dem, was ich unter Jazz verstehe, sehe ich. Produktionen mit Komponisten wie Hanns Eisler, Kurt Weill, Boris Blacher, Dmitri Schostakowitsch oder Erwin Schulhoff, das ihm gewidmete Festival 'Brückenbauer in die Neue Zeit' im KMS war viel beachtet, stehen auf der Tagesordnung der jazzwerkstatt. In diesem Sektor Ignoranz und Arroganz zu überwinden und Verbindungen von einem zu anderen Genres zu bauen, ist Teil meines Tuns.

Auch die Konzerte im Herbst zeigen das genreübergreifende Profil der jazzwerkstatt. Unser zehnjähriges begehen wir in Cottbus im Glad House, in Schwerin im Schleswig-Holstein-Haus, im Potsdam-Museum in der Landeshauptstadt in Kooperation mit querkultur e.V. und natürlich in der Kulturbrauerei und mit besonderem Dank in der Landesvertretung Brandenburgs in Berlin. Neu auf der Agenda stehen Konzerte in der Elbphilharmonie in Hamburg, ein kleines Festival im Jazzclub Vortex in London, und besonders freue ich mich, dass ich das einstmals von mir 1986 gegründete und über einige Jahre von Martin Blume fortgeführte 'Ruhr-Jazzfestival' im Kunstmuseum Bochum, gemeinsam mit AMMR - 'Aktuelle Musik Metropole Ruhr' und der Stadt Bochum an den Start bringe, so dass die jazzwerkstatt Programme tief im Osten, in Peitz, und nun auch tief im Westen, in Bochum, stattfinden. Ulli Blobel - Berlin, im April 2017


WOODSTOCK AM KARPFENTEICH- Free Jazz in der DDR

Schrille Töne machte der SPIEGEL Autor Hans Hielscher, auf der Station der Ausstellung „Free Jazz in der DDR- Weltniveau im Überwachungsstaat“ im Hamburger Levante Haus, aus. Auch der Spreewald hatte sein Woodstock. An den Karpfenteich kamen von 1972 an viele hundert Besucher um Free Jazz zu hören und um der eingezäunten Enge der DDR für kurze Zeit zu entfliehen, um nicht konforme Musik zu hören und um sich so zu benehmen wie seinerzeit die enthusiastischen Fans in Woodstock. „Und dann, 1982 war Schluss mit Peitz. Der Staat verbot, was er nicht domestizieren konnte“, so Christoph Dieckmann in DIE ZEIT.
Dann, 2011 war Peitz wieder da und man sollte später, 2013 wieder gen Cottbus fahren, zur  Ausstellungseröffnung im Museum Dieselkraftwerk. Am historischen Klinkerbauwerk, am Amtsteich, zitiert eine Tafel Auszüge aus Xamen Xenien des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, die das Wesen dieser Free Jazz Bewegung in der DDR ausmachten: „Du sehnst Dich weit hinaus zu wandern/bereitest Dich zu raschem Flug/Dir selbst sei treu und treu den andern/dann ist die Enge weit genug“. Nicht Teil der Ausstellung, so beschreiben diese Verse doch Inhalte derselben.

25 Jahre nach Ende des Arbeiter- und Bauernstaates, wie die DDR sich zu nennen pflegte, stellte das „Erinnerungslabor“ unter den Kuratoren Stefanie Wahl und Albrecht Ecke eine beachtliche Ausstellung zusammen. Stationen in Weimar, Schwerin, Berlin, Freiberg, Dresden, Potsdam, Magdeburg, Freiberg, Greifswald, Erfurt und Berlin, zeigten nicht nur die zentralen Orte der Konzert- und Festivalaktivitäten in der DDR, sondern brachten Erinnerungen den alten Fans und die Neugierde den neuen. Eine weitere Station der Ausstellung war der Ort in Wuppertal, das Atelier- und Wohnhaus von Peter Kowald, wo die DDR Free Jazz Szene als erstes im Westen etabliert wurde.

Viele tausend Besucher sahen „Free Jazz in der DDR- Weltniveau im Überwachungsstaat“. Nun bekommt die Ausstellung, um Ergänzungen zur jazzwerkstatt Peitz bereichert, ihr festes Domizil, dass am 09. Juni im Hütten- und Fischereimuseum Peitz, am Hüttenwerk 1, seine Pforten öffnet. Die Laudatio hält Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und ein langjähriger Freund der jazzwerkstatt.

Ulli Blobel


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Einen besonderen Dank an alle Förderer und Unterstützer, ohne deren Hilfe sich viele Projekte nicht würden realisieren lassen.